Wie Bedürfnisse zu Begierden werden

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Im Neuen Testament gibt es (wenn man so will) eine Lehre über Begierden. Was sind diese „Begierden“? Sind es unsere Bedürfnisse? Oder steckt etwas anderes dahinter?

Schönerweise bekommen wir eine Definition, worin denn die Begierden bestehen.

Eph 2,3 Unter diesen hatten auch wir einst alle unseren Verkehr in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen.

Unser natürlicher Anteil ist daran gewöhnt, für sich selbst zu sorgen. Er ist pseudo-autonom. Ohne Gott und an Gott vorbei versucht er alles, um auf seine Kosten zu kommen. Ein Teil dessen ist noch nicht mal schlimm (eine Pizza, ein Fußballspiel, ein Abend mit Freunden u.a.), ein anderer sehr wohl (Mord, brutale Ausbeutung, Grausamkeit u.a.). Die Quelle des Fleisches, um für die Bedürfnisse des Menschen zu sorgen, ist das Natürliche, das ihn umgibt, alles was man sehen, schmecken, fühlen kann. Denn der Mensch ohne Jesus hat nichts anderes als das. Darin besteht der „Wille des Fleisches“, das ist das gedankliche Konzept, dem unser Fleisch folgt. Anders gesagt: nichts Gutes wohnt in ihm.

Pseudo-autonom ist unser natürlicher Anteil deshalb, weil er sich ja nur an dem bedienen kann, worin er sich wiederfindet. Und das hat er nicht selbst geschaffen, sondern es wir ihm zuteil.

Röm 6,12 So herrsche nun nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib, dass er seinen Begierden gehorche

Die Sünde herrscht nicht mehr über uns, das wissen wir ( Röm 6,14 ). Sie kann aber in unserem sterblichen Leib herrschen. Woran merken wir das? Er gehorcht seinen Begierden. „Ha, seht ihr“, sagt der Hardcore-Heiligungsfachmann natürlich sofort, „genau deshalb sollen wir ja die Handlungen des Leibes töten, uns selbstverleugnen, unseren alten Menschen kreuzigen …“ Von der Aussage kurz danach bleibt bei dieser Sichtweise nicht mehr viel übrig als eine verbale Zustimmung zur Gnade:

Röm 6,14 Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade.

Sünde und Begierden, das gehört zusammen. Sünde und Gesetz – das gehört auch zusammen. Gnade und Freiheit von der Macht der Sünde aber auch. Wer unter Gnade ist, über den wird die Sünde nicht mehr herrschen – egal, wie sehr sie auch in seinem oder ihren sterblichen Leib herrscht.

Und wir erfahren, wie es überhaupt zur Begierde kommen kann:

Röm 7,7 … auch von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: „Du sollst nicht begehren!“ Röm 7,8 Die Sünde aber ergriff durch das Gebot die Gelegenheit und bewirkte jede Begierde in mir; denn ohne Gesetz ist die Sünde tot.

Klarer geht es eigentlich kaum: begib dich unter das Gesetz – und es wird jede Begierde in dir bewirken. Ohne Gesetz aber – ist die Sünde tot. Warum ist das so, dass das gute Gesetz „jede Begierde in mir“ bewirkt? Zu einem weil es plötzlich verboten ist und Verbotenes ist nun mal interessanter als Erlaubtes. Zum anderen weil das Gesetz plötzlich einer ganzen Reihe von gewohnten Bedürfnisbefriedigungen im Wege steht. Unsere Bedürfnisse werden plötzlich nicht mal mehr notdürftig befriedigt, sie gehen leer aus. Sie wuchern und werden zu Begierden. Und im Gegensatz zur Gnade Gottes hat das Gesetz nur die Früchte harter Arbeit zu bieten: erst wer alles getan hat, was das Gesetz fordert, wird leben. Und ob dabei immer eine Befriedigung wichtiger menschlicher Bedürfnisse am Ende herauskommt, ist noch fraglich.

Röm 13,14 sondern zieht den Herrn Jesus Christus an, und treibt nicht Vorsorge für das Fleisch, dass Begierden wach werden!

Hier hängt natürlich alles davon ab, was denn „Vorsorge für das Fleisch“ meint. Aber wenn wir auch nur schon mal in Rechnung stellen, dass durch das Gesetz die Begierden geweckt werden, dann meint „Vorsorge für das Fleisch“ offensichtlich nicht das, was der Hardcore-Heiligungsfachmann darunter versteht: hemmungsloses Drauf-los-sündigen.

Gal 5,16 Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht erfüllen.

Wer im Geist wandelt, wird nicht in Begierden landen. Es ist kein Verbot hier formuliert, sondern der „Mechanismus“, wie dieses Resultat erreicht wird. Ein Verbieten macht nach dem, was wir bisher wissen, auch überhaupt keinen Sinn. Der Wandel im Geist hat diverse Folgen: eine davon ist die, dass unsere Bedürfnisse auf gute und angemessene Weise befriedigt werden. Werden sie es nicht, dann werden Begierden wach (und wir wissen dann: unser Wandel im Geist ist noch deutlich ausbaufähig). Ungestillte Bedürfnisse melden sich machtvoll zu Wort. Deshalb sieht auch das „Töten“ von Begierden ganz anders aus, als es sich der Harcore-Heiligungsfachmann vorstellt:

Kol 3,5 Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und Habsucht, die Götzendienst ist!

Manche würden dann gerne das Tötungsinstrument „Kreuz“ anwenden – und übersehen dabei, dass das längst passiert ist:

Gal 5,24 Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.

Das ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt anders mit unserem natürlichen Teil umgehen können. Die Sünde im Fleisch wurde entmachtet. Das Fleisch, unser Natürliches ist kein gemütlicher-warmer Ort mehr für die Sünde. Das Fleisch ist einer andauernden Umprägung durch den Geist ausgesetzt (jedenfalls dann, wenn wir uns vom Gesetz fern halten).

Noch eine Variante benennt Paulus explizit, mit der „Vorsorge für das Fleisch“ betrieben wird und die die Begierden weckt:

1Tim 6,9 Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick und in viele unvernünftige und schädliche Begierden, welche die Menschen in Verderben und Untergang versenken.

Leben Christen abseits all dieser Erkenntnisse der „gesunden Lehre“, dann sind sie anfällig für Lehren, die ihren alten Begierden entgegen kommen. Und das sind Lehren, die fromm klingen – weil sie Gottes heiliges Gesetz betonen und unser (religiöses) Fleisch wieder ins Spiel bringen:

2Tim 4,3 Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt;

Aus einem Teil unserer Person, der Veränderung durch den Geist ausgesetzt ist, wird durch „ungesunde“ Lehren wieder ein Akteuer durch solche Lehren. Er darf wieder etwas tun. Das kitzelt in den Ohren, das schmeichelt der menschlichen Selbstautonomie. Warum nicht selbst verdienen, was man umsonst längst hat? So dachte schon Eva (denn die Schlange versprach ihr nur, was sie längst hatte – aber dieses Mal würde sie es an Gott vorbei bekommen). Das Gesetz ist ein Weg des Selbstverdienens. So war es zwar von Gott nicht gemeint, aber so wird es benutzt. In diesen „ungesunden“ Lehren klingt alles ganz fromm, aber sie sind pure Gottlosigkeit: ohne Gott und an Gott vorbei soll verdient werden.

Tit 2,12 [Die Gnade Gottes, Vers 11] unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf

Die Gnade Gottes – das ist die „gesunde Lehre“!

Aber: „endlich ein wenig Verleugnung?“ wird der Hardcore-Heiligungsfachmann nun denken. Und wie er es gerne macht, soll nun mit einem Bibelvers alles schon bekannte erledigt sein und in seinem Sinne gedeutet werden. Dabei weiß er noch nicht mal so recht, was es mit der Selbstverleugnung eigentlich auf sich hat (https://konsequentegnade.wordpress.com/bibelstellen/selbstverleugnung/). Aber das hindert ihn nicht, munter mit diesem Wort um sich zu werfen. Wir werden ihn auch nicht darin hindern. Nur so viel: verleugnen? Aber zu gunsten von was?

Nun können wir nach all dem hier auch einen Vers wie diesen hier präziser einordnen und hören nicht gleich wieder Askese, Zerknirschung und Selbstkreuzigung:

1Joh 2,16 denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt.

Kontext ist die Aussage „Liebt nicht die Welt!“ (Vers 15). Und wie passend ist das! Wenn wir etwas oder jemand lieben, dann erwarten wir ganz viel davon. Und wie unvernünftig ist das im Falle der „Welt“: was sie uns zu bieten hat, befriedigt unsere Bedürfnisse in gewissen Grenzen ganz gut – aber sobald wir sie „lieben“, überreizen wir, was sie uns zu bieten hat. Geboten wird uns nur die Verheißung der Welt – und die wurde bekanntlich noch nie erfüllt (außer in unehrlichen Filmen und Romanen).

Aus all diesen Gründen ist auch der oft übliche christliche Moralismus so schlimm. Denn er sagt: „Handle anders, gemäß den christlichen Moralstandards. Folge nicht deinen Begierden, sondern sei dem Gesetz gehorsam und tue Gutes“. Das hat aber mit Jesus und seiner Erlösung wenig zu tun – schon daran erkennbar, dass so einige Menschen dieser Aufforderung folgen und in der falschen Gewißheit leben, sie seien Christen.

Jesus sagt etwas ganz anderes:  „Komm zu mir und lass dir Leben schenken. Lerne, dass und wie deine Bedürfnisse ganz anders erfüllt werden können. Wenn du das erlebst, wirst du auch ganz anders handeln können. Du wirst immer weniger Mangel erleben und das, was du für andere tust, wird nicht mehr (nur) dazu dienen, deine eigene Not zu erfüllen.“

Wir vertreten hier also kurz gesagt die Auffassung, dass ein Bedürfnis erst mal zur Begierde werden muss. Wäre die „Begierden“ unsere Bedürfnisse, so wären all die Aufforderungen, dass wir uns um die Bedürfnisse anderer Menschen kümmern sollen, ja eine Aufforderung, ihre „Begierden“ zu erfüllen.

Es ist nur scheinbar paradox, dass die, die im Namen des Gesetzes (und im Namen von Entbehrung, Askese, Selbst- bzw. Bedürfnisverleugnung, Kreuztragen) die Begierden bekämpfen wollen, sie erst recht fördern. Noch der begierigste Christ, der verstanden hat, dass er nicht mehr unter Gesetz ist, sondern unter Gnade und von Gott empfängt – kann nicht konkurrieren mit einem Christen, der sich freiwillig unter das Gesetz begibt. Jedenfalls dann nicht, wenn wir uns von frommen Worten und Gesten nicht irreführen lassen: das Außen erscheint geputzt und sauber – aber das Innere …

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