Das 3.Kapitel des 1.Johannesbriefes gehört zu den Abschnitten im Neuen Testament, die für einige Verwirrung sorgen können. Denn hier scheinen Dinge drin zu stehen, die unsere ganze Erlösung anscheinend doch wieder von unserem Tun und Lassen abhängig machen.

Wenn wir uns das im folgenden näher anschauen, können wir vielleicht nicht alle Fragen klären. Aber wir werden sehen, daß auch diese Sätze von Johannes unser Erlöst-Sein (und Erlöst-Bleiben) nicht von unserem Wohlverhalten abhängig machen.

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1 Seht, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heißen sollen! Und wir sind es. Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.

Wir SIND Kinder Gottes. Das ist mehr als ein Status, das ist unsere Natur. Es setzt voraus, daß wir anders geworden sind in unserer Natur. Darin drückt sich die Liebe Gottes zu uns aus. Er macht uns „genetisch“ zu Mitgliedern seiner Familie, zu Kindern Gottes. Wir sind nicht mehr die Alten, nur mit einem neuer Bezeichnung („Kinder Gottes“). Wir sind anders geworden – quasi Geist von seinem Geist.

Diese Tatsache ist unsichtbar – aber nicht wirkungslos. Wir können nicht erwarten, daß Menschen, die keine Christen sind, das erkennen können. Was sie vielleicht bemerken können, sind die Auswirkungen dieser Tatsache – nicht aber ihre Ursache.

2 Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Wir sind jetzt die Kinder Gottes – nicht erst später.

Dass wir in der Welt in ihrem jetzigen Zustand Kinder Gottes sein können und es sind – gibt Anlaß zu großen Erwartungen, was passiert, wenn der Zustand dieser Welt sich ändert. Wir werden ihm gleich sein – „denn wir werden ihn sehen, wie er ist“,  so die Begründung. Die Erkenntnis Gottes ist es, die uns verändert: jetzt und später. Es ist nicht unsere Anstrengung, unser Bemühen. Wer anders werden will, braucht Einsichten: wie Gott ist, wie er mit uns umgeht, was er uns geschenkt hat. Was er nicht braucht, ist ein Programm zur Verhaltensänderung.

3 Und jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat, reinigt sich selbst, wie auch jener rein ist.

Bis jetzt war von „uns“ und „wir“ die Rede – nun auf einmal von „jeder“. DIESES „jeder“ meint uns. Aber das ist in den folgenden Versen nicht jedes Mal so. Die verschiedenen angesprochenen Gruppen zu unterscheiden, ist wichtig für die Auslegung.

Was verunreinigt denn? Ist es die Sünde, wie der nächste Vers nahelegt? Oder geht es um etwas anderes? Was es auch immer ist: diese Verunreinigung ist nichts Dramatisches. Wir reinigen uns selbst davon – durch das, was uns von Gott geschenkt wurde. Unser Wesen, unsere Natur als Kinder Gottes wird nicht beeinträchtigt.

4 Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit.

Eben ging es um „jeden“, der Hoffnung hat (also um uns) – nun geht es plötzlich um jeden, der  „Sünde tut“. Im Vers 8 steht sogar „Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel“. Hier sind offensichtlich zwei verschiedene Gruppen von „jeder“ gemeint. Wenn wir Vers 4 auf uns als Christen beziehen, wird es verwirrend.

Dieses „jeder“ sind wir offensichtlich nicht: wir sind aus Gott.  „Sünde tun“ also eine spezielle Formulierung, die so nicht für Christen gilt. Denn sonst wären wir „aus dem Teufel“ – was wir nicht sind. Wir sind Kinder Gottes.

Für das Wort „tut“ steht griechisch „poieo“. Übersetzt heißt das: machen, tun, etwas mit einer bestimmten Qualität ausstatten. Das Wort kommt von „poios“. Das heißt wiederum übersetzt: wie beschaffen. Es bedeutet, etwas so machen, dass es eine bestimmte Beschaffenheit erhält, bzw. jemanden zu etwas machen. Unsere Beschaffenheit ist aber eben nicht Sünde, sondern Gerechtigkeit.

Vielleicht kann man deshalb auch sinngemäß übersetzen: „Jeder, der ein Sünder ist, tut auch die Gesetzlosigkeit“. Auf keinen Fall aber kann Vers 4 sich sinnvoll auf Christen beziehen – außer natürlich für diejenigen, die Christen für gerettete Sünder halten, deren Natur unverändert ist und die nur eine neue Bezeichnung bekommen. Für sie wären aber alle Christen – einschließlich ihnen selbst – Kinder des Teufels (weil sie sündigen).

5 Und ihr wisst, dass er offenbart worden ist, damit er die Sünden wegnehme; und Sünde ist nicht in ihm.

Nun wieder „ihr“. Aber was auch immer wir tun: unsere Sünden wurden von Jesus weggenommen. Das ist passiert. Sie spielen vor Gott keine Rolle. Sie mögen Auswirkungen auf uns und andere haben – Gottes Meinung über uns beeinflußen sie nicht mehr. In Jesus ist keine Sünde – und wir sind in ihm.

Und nicht nur, dass er alle Sünden weggenommen hat – er hat uns auch die Natur des Sünders genommen und uns eine Neue Natur gegeben und ein Neues Herz.

Jeder, der in ihm bleibt / ist, sündigt nicht [fortwährend, gewohnheitsmäßig]; jeder, der fortwährend, gewohnheitsmäßig] sündigt, hat ihn nicht gesehen noch ihn erkannt.

Im ersten Teil von Vers 6 geht es um „jeder“ im Sinne von „jeder, der Jesus kennt“. Von dieser Gruppe wird gesagt: sie sündigt nicht. Dann geht es um „jeder“ – jeder, der Jesus nicht kennt – also eine andere Gruppe.

Natürlich steht dieser Vers in direktem Gegensatz zu den Aussagen im 1.Kapitel des Briefes (etwa 1.Johannes, 1,8 Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns) – wenn …

… wenn hier eben nicht unterschieden wird zwischen verschiedenen Arten des Sündigens. Und wieso auch nicht: das Sündigen eines Christen mit seinem Neuen Herz, seiner Neuen Natur ist etwas völlig anderes als das Sündigen eines Menschen, der Jesus nicht kennt.

Im Griechischen steht „sündigt“ im Präsens; dies bedeutet eine fortwährende oder gewohnheitsmäßige Handlung.  Das beschreibt aber eben nicht uns als Christen (auch wenn es dir vielleicht manchmal so vorkommt, als beschriebe es dein Verhalten). Auch hier entspricht das Sündigen einer Natur, einer Gewohnheit, eine fortlaufende Handlung, die nicht unterbrochen wird.

Dieser Vers läßt auch keinen Raum für „ein wenig Christ-Sein“ – sondern nur für entweder-oder. Es gibt keine Grauzone.

Offensichtlich tun auch wir also falsche Dinge. Etwas anderes zu behaupten, wäre auch realitätsfern. Aber es spricht viel dafür, daß unser falsches Handeln nichts mehr mit Sündigen im Sinne von unerlösten Menschen zu tun hat. Diese andere Sündigen aus der Natur eines Sünders heraus ist eine Angelegenheit für das Gesetz. Unser Sündigen, dem eben nicht mehr eine Natur entspricht, ist eine Angelegenheit zwischen uns und Gott, in die das Gesetz sich nicht mehr einzumischen hat.

Wir haben ihn gesehen und erkannt. Wir sind erlöst und befreit vom Gesetz. Und ohne Gesetz auch keine Sünde im Sinne des Gesetzes. UND: hier steht nicht „jeder, der sündig, hat nicht gesehen und erkannt, was das Gesetz sagt“, sondern „hat ihn nicht gesehen noch ihn erkannt“.

7 Kinder, niemand verführe euch! Wer die Gerechtigkeit tut [fortwährend, gewohnheitsmäßig], ist gerecht, wie er gerecht ist.

Worin besteht die Verführung? Wie so oft: sein Vertrauen auf etwas anderes zu setzen als Jesus und seine Erlösung.

„Wer die Gerechtigkeit tut“ – das setzen zu viele Christen momentan noch gleich mit „Wer das Gesetz hält“. Aber es gibt keine Gerechtigkeit, die aus dem (Halten des) Gesetz ist (Galater 3,21b …. Denn nur, wenn ein Gesetz gegeben wäre, das lebendig machen könnte, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz.). Nur wenn echte innere Veränderung unser Verhalten verändert, ist alles in Ordnung. Wo wir uns selbst anstrengen und bemühen, „gut“ zu sein – ist vieles, aber kein „Gerechtigkeit tun“.

Und sie lesen automatisch „wer ganz viel Gerechtigkeit tut“. Aber das steht da nicht. Hier ist nicht von Perfektion die Rede – „nur“ von „Gerechtigkeit tun“ (egal wie klein oder schwach das auch aussehen mag). Und dass dies immer wieder geschieht – so wie früher immer wieder und gewohnheitsmäßig das Sündigen geschah.

8 Wer die Sünde [fortwährend und von Herzen] tut, ist aus dem Teufel, denn der Teufel sündigt [und sündigt und sündigt] von Anfang an [bis jetzt]. Hierzu ist der Sohn Gottes offenbart worden, damit er die Werke des Teufels vernichte.

Offensichtlich sind wir nicht aus dem Teufel – denn wir sind Kinder Gottes. Die Werke des Teufels in unserem Leben sind vernichtet. Fühlt sich vielleicht nicht immer so an – ist aber so. Das permanente Sündigen des Teufels dauert bis zum heutigen Tage an. Es entspricht seiner Natur.  So wie das permanente Sündigen unerlöster Menschen. Diese Wesensverwandtschaft hat Jesus beendet: Er hat uns eine Neue Natur gegeben, ein Neues Herz mit einer völlig anderen Ausrichtung. Ein altes Herz wird fortwährend Sünde hervorbringen, es entspricht seinem Zustand. Im Leben eines Christen passiert Sünde nicht mehr „von Herzen“, sondern die Sünde ist „nur noch“ in seinem Fleisch zu Hause (und auch dort nicht im Sinne eines „gemütlichen Zuhauses“).

Jeder, der aus Gott geboren / gezeugt ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht [fortwährend, gewohnheitsmäßig] sündigen, weil er aus Gott geboren ist.

Wir sind aus Gott geboren – wir sind nicht bloß umbenannt worden. Unsere Natur hat sich verändert. Wir haben ein Neues Herz. Dieses Herz ist nicht mehr das alte. U.a. sind im Fähigkeiten abhanden gekommen. Die Quelle für andauerndes und ständiges Sündigen ist versiegt.

Die Fähigkeit zum Sündigen wie bei einem Ungläubigen ist den aus Gott Geborenen, seinen Kindern, abhanden gekommen: sie können es nicht mehr so wie früher. Es fehlt ihnen dazu die Fähigkeit. Immer ist irgendwas: es macht nicht mehr so einen Spaß … oder man hat ein schlechtes Gewissen … oder man fühlt sich einfach unwohl dabei … es ergeben sich keine Gelegenheiten … wir sind mit anderem beschäftigt … wir tun die Gerechtigkeit. Sündigen ist nun einfach nicht mehr unsere Lieblingssportart, in der wir richtig gut sind – wir haben nun ein Handicap.

Wir können nun das Sündigen so viel üben und ausüben – wir werden nie wieder so gut darin, wie wir es einmal waren. Der Trend ist von Gott umgedreht worden. Sündigen ist nichts mehr, was von Herzen geschieht – denn unser Herz ist neu geworden. Sündigen kommt nicht mehr aus der Mitte unserer Person, nicht mehr aus unserem Herzen. Dazu paßt auch wunderbar, dass wir „Sünder WAREN“ – es also offensichtlich nicht mehr sind.

Hier wird also kein Verbot ausgesprochen (wie manche Auslegungen es gerne hätten), sondern eine Unfähigkeit beschrieben. Kein moralischer Standard muß erfüllt werden – sondern die Kinder Gottes (also wir) sollen verstehen, dass uns eine Fähigkeit genommen wurde.

Dieser Vers ist auch eine grandiose Beschreibung unserer Erlösung. Denn selbst bei vorsichtigster Auslegung bleibt ein Eindruck übrig, der sich nicht verträgt mit dem oft üblichen „ich bin ein begnadigter Sünder und schaffe es gerade mal so in den Himmel“. Wir sind in unserer Natur verändert worden. Gott hat uns nicht einen Aufkleber mit der Aufschrift „Kind Gottes“ verpaßt – und sonst alles beim alten belassen. Er HAT uns verändert. Gut, wenn wir das wissen. Dann können wir auch das Sündigen in unserem Leben völlig anders einordnen.

10 Hieran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels: Jeder, der nicht Gerechtigkeit [fortwährend, gewohnheitsmäßig, immer wieder] tut, ist nicht aus Gott, und wer nicht seinen Bruder [fortwährend, gewohnheitsmäßig, immer wieder] liebt.

Auch hier gibt es keine Grauzone – und damit auch keinen Raum für seltsame Theorien über „Heilsverlust“: wir sind Kinder Gottes – denn sonst wären wir Kinder des Teufels. Und das sind wir offensichtlich nicht.

Und diese Tatsache ist offenbar. Wodurch? Durch Liebe und Gerechtigkeit tun.

Wir lieben unsere Geschwister – und auch hier gilt: egal wie klein oder schwach das auch aussehen mag. Diese Liebe ist etwas, das automatisch in uns ist – als Teil des Neuen Lebens. Diese Liebe bewirken wir nicht durch unsere Anstrengungen – wir lassen sie zum Ausdruck kommen.

Weil wir unsere Geschwistern so lieben, geht uns ihr Schicksal eben oft so nahe. Nichts, was in der Gemeinde passiert, ist uns wirklich egal. Wir mögen uns darüber ärgern und sogar zornig werden – aber es ist uns nicht gleichgültig. Es ist ein Wunder. Es ist Liebe.

So wie wir nun unfähig sind zu einem Sündigen im alten Stil – so sind wir nun fähig zu Lieben. Und auch fähig, immer wieder Gerechtigkeit zu tun, lebendige Werke jenseits aller Checklisten von Gesetzen und Geboten und 10-Punkte-Listen. Und vor allem jenseits jeder Perfektion. Denn hier steht nicht: wer perfekt Gerechtigkeit tut oder wer perfekt seinen Bruder liebt. Denn gemessen an perfekten Maßstäben würde das auf niemand von uns zutreffen. Aber es ist eine Fähigkeit, die in uns ist. So wie die Unfähigkeit, in alter Weise zu sündigen, nicht bedeutet, dass wir nun nicht mehr sündigen – so bringt auch die Fähigkeit zu lieben keine perfekten Ergebnisse hervor.

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