In Apostelgeschichte 15 wird uns über eine Konferenz der Apostel in Jerusalem berichtet. Unter starker Beteiligung der Jerusalemer Gemeinde entschied sie darüber, wie man mit den Heidenchristen umgeht: Sollten sie nicht nur Christen, sondern auch Juden werden? Mußten sie sich beschneiden lassen? Und das Mosaische Gesetz halten?

In den Jahren zuvor hatten sich außerhalb Israels große Gemeinden gebildet – die nicht vornehmlich aus Judenchristen bestanden. Die Christen dort waren zum großen Teil nicht gleichzeitig Juden. Deshalb kamen sie auch nicht auf die Idee, das Mosaische Gesetz zu halten.

Dagegen gab es Vorbehalte in der Jerusalemer Gemeinde, insbesondere seitens der Fraktion der gläubig gewordenen Pharisäer.

Nach viel Diskussion und Streit und Konflikt beschließt diese Konferenz ein paar Dinge, u.a. die Frage betreffend, ob das Gesetz für die heidenchristlichen Gemeinden gelten soll.

Und die Verse 20 und 29 des Kapitels wirken auf den ersten Blick so, als gelte nun ganz klar das Mosaische Gesetz für sie:
20: sondern ihnen schreiben, dass sie sich enthalten von den Verunreinigungen der Götzen und von der Unzucht und vom Erstickten und vom Blut.
29: euch zu enthalten von Götzenopfern und von Blut und von Ersticktem und von Unzucht.

Haben wir hier nicht einen Beweis, daß das Mosaische Gesetz weiter gilt? Zumindest in seinem ethischen Kern?

Das Enthalten von Blut und Ersticktem hat mit Sicherheit nichts mit einem „ethischen Kern“ zu tun – es bezieht sich auf zwei der zahlreichen Speisevorschriften des Mosaischen Gesetzes. Dutzende andere werden nicht aufgeführt.

Und einige Jahre später geht Paulus mit dem Frage der Götzenopfer geht anders um – wie wir im oft mißbräuchlich benutzten Kapitel (1.Kor 8) über die Schwachen und Starken im Glauben erfahren (denn es wird benutzt, um eine Diktatur der schwachen Gesetzestreuen zu rechtfertigen!).

Es mag sein, daß man mit den vier Regelungen der Fraktion der Pharisäer innerhalb der Jerusalemer Gemeidne entgegen gekommen ist.

5: Einige aber von denen aus der Sekte der Pharisäer, die gläubig waren, traten auf und sagten: Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Moses zu halten.

Vermutlich gehören sie zu der Gruppe, von denen in Vers 1 gesagt wird:
„Und einige kamen von Judäa herab und lehrten die Brüder [in Antiocha]: Wenn ihr nicht beschnitten worden seid nach der Weise Moses, so könnt ihr nicht gerettet werden.“

Vielleicht war es noch nicht einmal so, daß die Masse der Judenchristen etwas einzuwenden hatte – sondern daß nur die gläubig gewordenen Pharisäer ein Problem hatten. Dann würde der Beschluß der Konferenz leider dafür sprechen, daß die Apostel ein ganz klein wenig eingeknickt sind gegenüber den Pharisäern. Vielleicht ist das öfter vorgekommen; von Petrus jedenfalls wissen wir, daß Paulus ihn für dieses Verhaltensmuster zurechtgewiesen hat.

Wohlwollender (und vielleicht zutreffender) ausgelegt, waren die vier Verbote ein Mittel, den Judenchristen (oder den Pharisäern) etwas zu bieten, mit dem sie leben konnten – und das die Heidenchristen kaum belastete. Andererseits mußte die Pharisäerfraktion ziemlich was schlucken, denn ihr geliebtes Gesetz wurde auf vier Regeln zusammen gestrichen. Wie lange würde wohl deren Haltbarkeitsdatum sein? Wenn man hunderte von anderen Regeln einfach strich, würde es schwer sein, der Masse der Judenchristen weiterhin zu erklären, sie müsse sich daran halten.

Jakobus gibt auch die Begründung, wem diese vier Regeln auf jeden Fall helfen sollten: den Juden, die noch nicht gläubig geworden waren. In Vers 20 werden die vier Regeln aufgestellt, in Vers 21 werden sie begründet.

Apostelgeschichte 15,21: Denn Mose hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn predigen, da er an jedem Sabbat in den Synagogen gelesen wird.

Schon damals lebte der größere Teil der Juden aus wirtschaftlichen Gründen außerhalb von Israel. Also gab es auch rund um das Mittelmeer überall moasaische Gemeinden. Der kulturelle Gegensatz zwischen den Juden und den Judenchristen sollte nicht zu groß werden – um die Juden zu gewinnen.

In jedem Fall ist es aber der ganze Vorgang ein Beispiel dafür, daß die Regeln, die sich die ersten Gemeinden gaben, eben nicht in Stein gemeißelt waren! Sie konnten sich auch wieder ändern. Und von mindestens einer Regel der Apostelkonferenz wissen wir ja, daß sie sich geändert hat – götzenopferfleischessende Christen in Korinth!

Wir tun uns also keinen Gefallen, wenn wir die Regeln, die sich die ersten Gemeinden gaben, für völlig zeitlos und ewig gültig haben. Zeitlos und ewig gültig war aber das Ziel dieser Regeln: mit welchen Regeln funktioniert eine Gemeinschaft von Menschen, die in Jesus bedingungslos erlöst sein und ein Neues Leben in sich tragen, das mit Macht wächst und Veränderung von innen nach außen bewirkt? Denen man nicht mit der Hölle und dem Verlust ihrer Erlösung drohen kann? Die wissen, daß sie die Freiheit haben, alles zu tun – auch das, was nicht „nützt“?

Und die Geschichte zeigt vielleicht trotzdem, daß schon damals Apostel gegenüber Gesetzlichkeit genauso anfällig waren wie alle anderen auch. Spätestens aber das Verhalten von Petrus zeigt es (Galater 2).

Wo also „Apostel“ drauf steht, muß nicht unbedingt Gnade drin sein.

Und wir lernen aus diesem Bericht auch viel über die Diskussionskultur der damaligen Gemeinde. Alle dürfen reden. Es gab richtigen Streit. Alle werden an der Entscheidung beteiligt. Keine Spur von Gremienarbeit hinter verschlossenen Türen!

Apostelgeschichte 15,2+7  … ein Zwiespalt entstand und ein nicht geringer Wortwechsel zwischen ihnen [den Gesetzeslehrern]und Paulus und Barnabas … als aber viel Wortwechsel entstanden war …

Übrigens schränkt Paulus das Rederecht von Gesetzeslehrern einige Zeit später für „seine“ Gemeinden massiv ein und benennt sie immer wieder als Ziele für „Gemeindezucht“. Vielleicht war das auch Folge eines Lernprozesses: denn vermutlich hatte sich gezeigt, daß man Pharisäer und Gesetzeslehrer nicht durch Kompromißformeln und Entgegenkommen gewinnt, sondern dass weiterhin das Verfahren von Jesus gilt: harte Konfrontation. Für die Harmoniesüchtigen unter uns ist das schwer zu akzeptieren, aber die Bewahrung unserer Freiheit ist wichtiger als eine oberflächliche Harmonie.

Trotzdem ist es positiv, daß die Apostel die Freiheit hatten, an dieser Stelle dem Vorbild Jesu erst einmal nicht zu folgen. Sie wollten es anders angehen und diese Menschen gewinnen. Es zeigte sich aber, daß Entgegenkommen nicht der richtige Weg war. Sie probierten es auf ihre Weise und lernten aus ihren Erfahrungen und Fehlern: ein Prinzip, zu dem wir dringend zurückkehren sollten! 😉

Vor lauter Richtig-Machen-Wollen vergessen wir eben, daß wir durch schlechte Erfahrungen umso sicherer werden in dem, was wir wollen und nicht wollen.

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  1. „Und die Geschichte zeigt vielleicht trotzdem, daß schon damals Apostel gegenüber Gesetzlichkeit genauso anfällig waren wie alle anderen auch.“

    Ja, das zeigt sie. Man sieht es, wenn man in der Apostelgeschichte weiterliest. Dort wird in Kapitel 21 beschrieben, wie Paulus etwa 10 Jahre später nach Jerusalem zurückkehrt. Jakobus und die Ältesten der Jerusalemer Gemeinde berichten ihm: „Bruder, du siehst, wie viel tausend Juden gläubig geworden sind und ALLE SIND EIFERER FÜR DAS GESETZ.“ (V. 20)

    1. Was ist mit Jakobus geschehen, dass er es Jakobus als völlig normal oder sogar lobenswert findet, dass alle Mitglieder seiner Gemeinde Eiferer für das Gesetz sind?

    2. Was ist mit Paulus geschehen, dass er sich nicht heftig dagegen wehrt, sondern dass er sich darauf einlässt, ihnen zu beweisen, dass er selber auch nach dem Gesetz lebt und es hält (V. 24).

    Übrigens war genau dieser christliche Eifer für das Gesetz der Anlass dafür, dass Paulus nach Rom gebracht und dort zum Tod verurteilt wurde.

    Zu diesem ganzen Thema Gnade möchte ich folgendes 2-teiliges Video empfehlen:

    http://www.fcg-hanau.de/neu/index.php/connectmenu/preachit/predigt/verteidigung-des-evangeliums-der-gnade-teil-1
    und
    http://www.fcg-hanau.de/neu/index.php/connectmenu/preachit/predigt/verteidigung-des-evangeliums-der-gnade-teil-2

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