Allmählich macht sich die Einsicht breit, dass wir nicht mehr nach dem Motto leben können „Wir tun, was Jesus sagt“. Denn der Dienst von Jesus war in vielem auch ein Dienst an denen, die unter dem Gesetz von Mose lebten (und seinen menschlichen Erweiterungen und Verkürzungen).

Aber in gewisser Weise können wir doch tun, was Jesus sagt – wenn wir uns damit befassen, wie er mit denen umgeht, die besonders gut im Leben unter Gesetz waren und sozusagen das Gesetz repräsentierten (die Pharisäer und Schriftgelehrten). Schauen wir uns Beispiele aus dem Evangelium von Markus an (andere Evangelien bieten noch mehr Beispiele). Und wir werden sehen, dass nichts davon an Aktualität verloren hat – auch heute noch denken, reden und leben Menschen so. Und nicht alle davon kennen Jesus.

Er relativiert den Anspruch und die Möglichkeiten des Gesetzes:

Markus 2,27: Und er sprach zu ihnen [den Pharisäern]: Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen; 28 somit ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbats.

Markus 10 ,2_ Und es traten Pharisäer zu ihm und fragten ihn, um ihn zu versuchen: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau zu entlassen? 3 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie aber sagten: Mose hat gestattet, einen Scheidebrief zu schreiben und zu entlassen. 5 Jesus aber sprach zu ihnen: Wegen eurer Herzenshärtigkeit hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 von Anfang der Schöpfung an aber hat er sie als Mann und Frau geschaffen. 7 „Darum wird ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein“; daher sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. 9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

Er zeigt ihnen die Grenzen ihrer Auffassungen:

Markus 3,4: Und er spricht zu ihnen: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten? Sie [die Pharisäer] aber schwiegen.

Er erklärt ihnen, wie sie sich selbst unter Gericht bringen:

Markus 4, 24:  Und er sprach zu ihnen: Seht zu, was ihr hört! Mit welchem Maß ihr messt, wird euch gemessen werden, und es wird euch hinzugefügt werden. 25 Denn wer hat, dem wird gegeben werden; und wer nicht hat, von dem wird auch, was er hat, genommen werden.

Er tadelt sie, weil sie die ursprünglichen Gebote erweitern und verkürzen (was notwendig so sein muß, wenn man mit dem Gesetz lebt):

Markus 7,6: Er aber sprach zu ihnen [den Pharisäern]: Treffend hat Jesaja über euch Heuchler geweissagt, wie geschrieben steht: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir.  7 Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.“

Markus 7,8 Ihr gebt das Gebot Gottes preis und haltet die Überlieferung der Menschen fest. 9 Und er sprach zu ihnen: Trefflich hebt ihr das Gebot Gottes auf, damit ihr eure Überlieferung haltet. 10 Denn Mose hat gesagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“, und: „Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben.“ 11 Ihr aber sagt: Wenn ein Mensch zum Vater oder zur Mutter spricht: Korban – das ist eine Opfergabe – sei das, was dir von mir zugute gekommen wäre, 12 lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun, 13 indem ihr das Wort Gottes ungültig macht durch eure Überlieferung, die ihr überliefert habt; und Ähnliches dergleichen tut ihr viel.

Jesus radikalisiert den Umgang mit der Sünde gemäß des Gesetzes:

Markus 9, 42 Und wer einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Anlass zur Sünde gibt, für den wäre es besser, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen würde. 43-44 Und wenn deine Hand dir Anlass zur Sünde gibt9, so hau sie ab! Es ist besser für dich, als Krüppel in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das unauslöschliche Feuer. 45-46 Und wenn dein Fuß dir Anlass zur Sünde gibt, so hau ihn ab! Es ist besser für dich, lahm in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden.  47 Und wenn dein Auge dir Anlass zur Sünde gibt, so wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes hineinzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden

Hier ist das Publikum übrigens unklar – aber diese Radikalisierung hilft sowohl den Repräsentanten des Gesetzes wie denen, die auf sie hören.

Und er erkennt die Hinterhältigkeit der Gesetzeslehrer und kann ihnen überlegen antworten:

Markus 11,28 und sagen zu ihm: In welcher Vollmacht tust du diese Dinge? Oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben, dass du diese Dinge tust? 29 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich will euch ein Wort fragen. Antwortet mir! Und ich werde euch sagen, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue: 30 War die Taufe des Johannes vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir! 31 Und sie überlegten miteinander und sprachen: Wenn wir sagen: vom Himmel, so wird er sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? 32 Sollen wir aber sagen: von Menschen? Sie fürchteten die Volksmenge. Denn alle meinten, dass Johannes wirklich ein Prophet sei. 33 Und sie antworten und sagen zu Jesus: Wir wissen es nicht. Und Jesus spricht zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue.

Markus 12,13 Und sie senden einige der Pharisäer und der Herodianer zu ihm, um ihn in der Rede zu fangen. 14 Und sie kommen und sagen zu ihm: Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich um niemand kümmerst; denn du siehst nicht auf die Person der Menschen, sondern lehrst den Weg Gottes in Wahrheit. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht? Sollen wir sie geben oder nicht geben? 15 Da er aber ihre Heuchelei kannte, sprach er zu ihnen: Was versucht ihr mich? Bringt mir einen Denar, damit ich ihn sehe! 16 Sie aber brachten ihn. Und er spricht zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie aber sagten zu ihm: Des Kaisers.  17 Jesus aber sprach zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Und sie verwunderten sich über ihn.

Im Vergleich dazu redet Jesus anders (weniger hart?) mit denen, die unter dem Einfluß dieser Leute stehen – den Volksmassen außerhalb des religiösen Establishments. Aber das ist ein anderes Thema.

Aber vergessen wir nicht: auch heute haben wir es mit Menschen zu tun, die das religiöse Gesetz repräsentieren. Sie legen das Gesetz aus und ändern es auch mal zu ihren Gunsten. Sie können hinterhältig sein und verstehen es zu argumentieren. Sie warnen ständig vor der Sünde und sind doch nicht bereit, alle Konsequenzen zu ziehen usw.

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  1. „dass nichts davon an Aktualität verloren hat – auch heute noch denken, reden und leben Menschen so“ – genau so ist es. Das führt zur Frage:

    Ist die Kritik Jesu auch auf das heutige Gesetzeslehrertum/Kirche übertragbar?

    Jesus sagt über das religiöse Gesetzeslehrertum (Kirche) z.B. Folgendes (Mat 23):
    Die Gesetzeslehrer/Theologen haben sich eigenmächtig auf den Stuhl des religiösen Gesetzgebers gesetzt und sich so über die Mitgläubigen erhöht. Sie bürden den Menschen Lasten auf, von denen sie sich selbst im Leben aber fernhalten. Dabei vermischen sie ihre eigenen Überlieferungen/Dogmen mit der ursprünglichen Schrift (Mat 15). Hauptsächlich geht es darum, den gesellschaftlichen Ehrenplatz einzunehmen: mit opulenten Gewändern beim öffentlichen Beten in der Kirche und bei Feierlichkeiten. Das Gold in der Kirche ist wichtiger als die Kirche selbst, sie streben nach dem Grundbesitz der Verstorbenen, horten zusammengeraubte Schätze. Sie haben gerechte Männer verfolgt, die zur Umkehr riefen und ihre Macht bedrohten; heute distanzieren sich scheinheilig davon. Kurzum: Sie sind blinde Blindenführer, die den Splitter im Auge des Nächsten suchen, den Balken im eigenen aber nicht wahrnehmen.
    Jesus folgerte daraus für seine Jünger:
    Keiner soll zukünftig öffentlich die Autorität des religiösen Gesetzeslehrers für sich beanspruchen: Jesus als Vorbild allein, sei der Meister. Keinem soll unter den Gläubigen zukünftig eine väterliche Autorität/Führungsrolle zugeschrieben werden: Es gibt nur einen Hl. Vater – den im Himmel.
    Alle Gläubigen sind gleichrangig Brüder und Nachfolger Christi und haben Teil am Heiligen Geist.

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