Wenn wir anfangs die Gnade entdecken, die bedingungslose Liebe Gottes, seine intensive Zuwendung – dann sind wir naheliegend in der Versuchung, damit das uns bekannte „Christliche“ und (Frei)Kirchliche quasi zu taufen, mit einem Zuckerguss zu übergießen, ihm das richtige Fundament und die richtige Geschmacksrichtung zu geben. All die überkommenen „christlichen“ und (frei)kirchlichen Verhaltensweisen und Vorstellungen – wären sie nicht viel besser und viel genießbarer aus Gnade geboren und motiviert? Und das kann uns durchaus einige Jahre so gehen.

Als Christen finden wir ein jahrhundertealtes „Gebäude“ aus Verhaltensweisen, Lehrsätzen und Mentalitäten vor. Und wir können uns nicht vorstellen, dass es so falsch sein kann, wie es des öfteren tatsächlich ist. Was das genau alles ist, haben wir noch längst nicht vollständig erfaßt. Aber wir können doch schon so einiges adressieren:

  • Jüngerschaft bedeutet Verzicht, Gehorsam, Bemühen um Verhaltensänderung
  • Egal, was du auch tust – sei vor allem „nett“
  • Gehorsam ist wichtig – Tu das Richtige!
  • Sünde trennt uns von Gott
  • das Gesetz ist gut für den Menschen
  • heiliges Verhalten wird unser Herz verändern
  • ein reines Gewissen bekommt man durch heiliges Tun und Lassen
  • wer gesetzestreu ist, zeigt ein ernsthaftes Bemühen um Heiligung
  • der alte Mensch lebt weiter in uns
  • Sünde muss verurteilt und benannt werden
  • Bemühe dich – Gott tut das übrige hinzu
  • Freiheit beinhaltet nur die Freiheit, das Sündigen zu lassen
  • das Gesetz ist ein Selbstbedienungsladen: echt doofe Gebote dürfen wir einfach stillschweigend weglassen
  • Gottes Segen fließt durch (insbesondere: frei)kirchliche Führungskräfte
  • Sünder muss man mit spitzen Fingern anfassen und auf Distanz halten (spätestens wenn sie Christen geworden sind)
  • Leid, Schmerz und Qual sind wesentlich in Gottes Pädagogik
  • Gehorsam ist auch im Neuen Bund zentral
  • das Hauptproblem des Menschen ist, dass er ein Sünder ist
  • gegen das Sündigen von Nichtchristen ist unbedingt der moralische Zeigefinger zu erheben
  • Freiheit beinhaltet niemals, niemals, niemals die Lizenz zum Sündigen
  • Segen ist die Folge von Gehorsam
  • Vergeben ist unsere Pflicht
  • wir MÜSSEN evangelisieren
  • „Süüüündääää“ muss mit dem nötigen Ernst behandelt und besprochen werden
  • ja, Gott ist lieb – aber vor allem ist er sehr, sehr zornig! Und eines Tages …
  • Ungehorsam gegen kirchliche Führer ist nicht gesegnet
  • Umkehr bzw. Buße hat was mit Zerknirschung, Bereuen u.ä. zu tun
  • Sündigen ist viel schlimmer als Gesetzlichkeit
  • Bitterkeit bekämpft man, indem man die Bitteren verurteilt und ausgrenzt
  • Einer führt – die anderen folgen
  • „Gott ist auch ein Rrrrrichter“

Und so ist mancher Gnadenvertreter weiterhin bemüht, nachzuweisen, wie toll doch die Gnade Gottes ist, wenn wir das Gesetzesgebäude (das übrigens auch viele Flügel und Zimmer hat) bewohnen und schon oft gescheitert sind, unter seiner Enge leiden, nirgendwohin kommen, uns im Kreis drehen.

Und so sehen wir: die wunderbare Gnade, Liebe, Zuwendung Gottes gibt uns nicht einfach, was uns bisher noch gefehlt hat – sie eröffnet eine ganz neue Art, Christ-Sein zu leben; erzeugt ein Verhalten, dass sich wohltuend von Strenge und Selbstgerechtigkeit abhebt; und auch kollektiv hat es wenig bis gar nichts zu tun mit dem, was wir als (Frei)Kirchlichkeit – und (Frei)“Gemeindlichkeit“ kennen.

Übrigens sind die gesetzestreuen Judenchristen der ersten Jahrhunderte in die selbe Falle getappt – umso überflüssiger, dass wir heute wieder solche Tendenzen haben.

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  1. Treffende Analyse! Im Prinzip ist das Gesetz somit immer noch unser Fundament!
    Gedanklich haben wir die Radikalität Jesu wohl immer noch nicht nachvollzogen. Wir gehen immer noch vom Berg Sinai aus und nicht vom Berg Zion: Die Gnade bleibt so immer nur Ergänzung zum Gesetzesgebäude. Dabei wird laut NT allein im Abendmahl auf dem Zion „Gott verherrlicht“ (Joh 13): im Neuen Bund. Paulus schreibt, dass allein im Wort und Beispiel der Gnade Jesu der wahre „Glanz Gottes“ zu finden ist: „Er (Jesus) ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden“ (Hebr. 1). Die Herrlichkeit des Mose, des Gesetzes, der „steinernen Tafeln“ ist irdisch und zeitlich begrenzt im Vergleich zum Wort Jesu: „Ja, jene Herrlichkeit ist nicht für Herrlichkeit zu achten gegenüber dieser überschwänglichen Herrlichkeit. Denn wenn das Herrlichkeit hatte, was aufhört, wie viel mehr wird das Herrlichkeit haben, was bleibt.“ (2Kor 3) Paulus ist hier an Radikalität nicht zu übertreffen.

    Hier stellt sich die Frage: Kann man überhaupt Gesetz und Gnade, Alten und Neuen Bund miteinander verknüpfen, vermischen? Jesus selbst scheint da sehr keptisch.

    Er gebraucht das Gleichnis vom Kleid: „Niemand schneidet ein Stück von einem neuen Kleid ab und setzt es auf ein altes Kleid; denn das neue Kleid wäre zerschnitten und zu dem alten Kleid würde das Stück von dem neuen nicht passen.“ (Lk 5,36) Wenn der Neue Bund, die Gnade, als Ergänzung zum Alten gebraucht wird, wird er zerstört. (Wobei hier immer das alttestamentliche Bild vom „Kleid der Gerechtigkeit“ mitspielt das sich der Glaubende von Gott erhofft, vgl. z.B. verlorener Sohn)
    Er gebraucht das Gleichnis vom neuen Wein: „Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Denn der neue Wein zerreißt die Schläuche; er läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuen Wein muss man in neue Schläuche füllen.“ (Lk 5,37). Wenn der neue Wein seinen Geist entwickeln soll, braucht er ein neues Behältnis: Das Alte und Neue schaden sich. (Wobei hier immer Jesu Selbstbezeichnung als der neue „wahre Wein“ mitspielt u. der Weinkelch des Neuen Bundes)
    Jesus/Paulus: „Sauerteig der Pharisäer“. Paulus warnte z.B.: „Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. (…) „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.“ (Gal 5) Gesetz und Gnade passen nicht zusammen. (Wobei immer mitspielt, dass das Brot des Abendmahls ungesäuertes Brot ist, Jesus als Brot des Lebens)

      • Ihr behandelt viele Themen (Gesetz, Gnade), die mich auch interessieren. So nutze ich eigennützig die Gelegenheit, meine eigenen Gedanken klarer zu strukturieren. Vielleicht findet ja jemand, der vorbeikommt, eine Anregung!?

        Allgemein: Wenn es um die Bedeutung des Gesetzes, das von Mose – dem größten Helden des Judentums – gegeben wurde, geht, muss ich immer an ein Wort Jesu denken: „Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer…“ (Mat 11,11). Der wirre, arme, verlachte Johannes, der in der Wüste den Messias, das Reich Gottes, erwartete, von Gott als Vater sprach, von Umkehr zu allgemeiner Sündenvergebung, vom Brot für die Armen träumte – für Jesus bedeutsamer als Mose, der Held der 10 Gebote!!? (Darum hat er ihn wohl im Vaterunser unsterblich gemacht?!)
        Für Spezialisten (hab ich aus dem Internet):
        Das Bild des Sauerteigs (der Pharisäer), der schon in geringen Mengen alles zersetzt, ist wohl wie Lepra im Judentum ein Bild für die Sünde, die die Menschheit befallen hat. Darum bezeichnet sich Jesus wohl als das reine, ungesäuerte Brot des Lebens. Im jüdischen Pessach gibt es einen Tag „Chametz“, indem das väterliche Haus von jedem Sauerteig gereinigt werden muss, dammit das reine Opferlamm einziehen kann. Viele sagen, dass genau an diesem Tag des Pessach auch Jesus das Haus des Vaters, den Tempel reinigte…

        • Liebe Ron, ich fand die Stelle mit Johannes, der größer ist als jeder andere Mensch „vom Weib geboren“, aber kleiner als der Geringste im Reich Gottes, lange Jahre sehr rätselhaft. Inzwischen glaube ich, die Antwort zu kennen: Johannes ist ja sozusagen das Bindeglied zwischen Altem und Neuem Testament. Er war noch im Alten Bund verwurzelt, predigte aber das Kommen des Erlösers. Weil er der Wegbereiter des Höchsten war, ist er der größte aller natürlichen Menschen gewesen. Warum aber ist der Kleinste im Reich Gottes größer als Johannes? Johannes hatte zwar den Heiligen Geist (wie auch andere AT-Propheten, z.B. Elia) war aber zu Zeiten seiner Prophetentätigkeit noch nicht von neuem geboren aus dem Geist, sondern noch immer „vom Weib geboren“, denn der Heilige Geist war noch nicht ausgegossen auf die Jesusgläubigen. Der Kleinste im Reich Gottes ist meiner Meinung nach von seinem persönlichen Charakter (von seinen natürlichen Qualitäten) her viel geringer als Johannes. Aber als Mitglied des neutestamentlichen Reiches Gottes ist er Glied am Leib Christi und somit aus dem Heiligen Geist geboren, eine neue Schöpfung. Deshalb ist er größer als Johannes und damit auch größer als die großen Helden des AT. Natürlich alles nur aus Gnade, von Gott so geschenkt.
          Ich denke übrigens nicht, dass Jesus Johannes im Vaterunser ein Denkmal setzen wollte. Jesus spricht im Vaterunser die elementaren Dinge der Beziehung zwischen Gott und Gläubigen und die Bedürfnisse des Menschen aus. Und da auch Johannes den Heiligen Geist hatte und von Gott gelehrt war, hatte er diese Gedanken auch schon und sprach sie aus.

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