[Polemik-Warnung: die folgenden Zeilen könnten für manchen Leser etwas heftig werden.]

Seit Jahr und Tag gibt es in einigen christlichen Kreisen Artikel und Ausführungen zum Thema „geistliche Elternschaft“, „geistliche Vaterschaft“, „Mutter in Christo“ u.ä. An denen mangelt es angeblich – und es scheint, daß so einige dies oder jenes werden wollen.

In der Tat benutzt der Apostel Paulus Vergleiche aus  diesem Lebensbereich.

1.Thessalonicher 2,7b+8+11: …wir sind in eurer Mitte zart gewesen, wie eine stillende Mutter ihre Kinder pflegt … So, in Liebe zu euch hingezogen, waren wir willig, euch nicht allein am Evangelium Gottes, sondern auch an unserem eigenen Leben Anteil zu geben, weil ihr uns lieb geworden wart … wie ihr ja wisst, dass wir euch, und zwar jeden Einzelnen von euch, wie ein Vater seine Kinder ermahnt und getröstet und beschworen haben, des Gottes würdig zu wandeln, der euch zu seinem Reich und seiner Herrlichkeit beruft.

Schön daran ist, daß Paulus und seine Mitarbeiter offensichtlich mit viel Gefühl bei der Sache waren. Sie haben ihre Brüder und Schwestern geliebt – und die konnten das offensichtlich auch merken. Da können wir uns was abgucken (und vielleicht merken, daß es mit unserer Liebe nicht so weit her ist, wenn wir ehrlich sind?). Aber wie in allem geht es nicht darum, das Verhalten von Paulus oder sonst jemand nachzuäffen – sondern herauszufinden, wie so ein Verhalten entsteht (sicher nicht durch gute Vorsätze oder ein „jetzt streng ich mich mal an und hab alle lieb!“), aus welcher Quelle es letztlich entspringt.

Wäre aber trotzdem nicht schlecht, wenn wir Menschen wie Paulus unter uns hätten, die uns lieben und uns helfen, „des Gottes würdig zu wandeln, der euch zu seinem Reich und seiner Herrlichkeit beruft“.

Da beginnen aber leider die Probleme:

  • wie viele dieser geistlichen Möchtegern-Väter und -Mütter „wandeln“ unter dem Gesetz? Was werden sie wohl denen beibringen, die sie unter ihre Fittiche nehmen können? Oder manchmal sogar quasi zwangsadoptieren? Wird deren Wandel „Gottes würdig sein“?
  • wie viele von ihnen haben nicht mal gelernt, ehrliche Brüder und Schwestern zu werden, die anderen ihren Bedarf nach der Gnade Gottes eingestanden haben? Deren Schwächen für andere sichtbar waren? Die keine Schauspieler „um Jesu Willen“ waren? Und dann wollen sie Väter oder Mütter für irgendjemand in geistlichen Fragen sein?
  • und wie viele dieser Christen wollen sich klammheimlich mit Ehre und Ruhm bekleckern, während sie nach „geistlicher Elternschaft“ streben? Und zeigen damit, wie wenig von der bedingungslosen Liebe und Annahme Gottes bei ihnen angekommen gekommen ist?
  • und sie zeigen so wenig von dem, was der Apostel Johannes über die „geistlichen Väter“ schreibt: „weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist“  (1.Johannes 2,13 – was immer das übrigens heißen mag)

Fazit: Das Anliegen mag richtig sein – aber jedes Anliegen im Kontexts eines Lebens unter Gesetz wird verdorben. Umso fataler, wenn dann noch Christen gesagt wird: „Du mußt geistliche Elternschaft erleben. Das brauchst du!“. Denn woher soll sie kommen? Von ein Haufen Leuten, die sich unter dem Gesetz abmühen und das „Leben mit Jesus“ nennen? Wohl kaum! Aber Gott sei Dank wirkt die Gnade Gottes auch ohne solche Begleitung in uns. Und auch in Gemeinschaft mit denen, die das Leben mit und unter Gnade ebenfalls erst mal lernen (weil es so anders ist als alle anderen Modelle).

… das Neue Testament beschreibt uns einiges, war wir dringend nötig hätten oder das erstrebenswert wäre. Aber wir können es nicht einfach durch ein entsprechendes Verhalten hervorbringen. Es muss in uns wachsen. Und dieses Wachstum kann nur die Gnade Gottes hervorbringen, unser Neues Leben in Christus. Versuchen wir es in eigener Anstrengung, dann bringen wir uns unter Gesetz – und behindern oder bremsen oder blockieren manchmal sogar die Wachstumsprozesses des Geistes Gottes in uns.

Kurz und gut: lassen wir doch die Gnade Gottes in uns wirken. Falls dann einige von uns väterliches oder mütterliches Verhalten (in einem geistlichen Sinne) entwickeln, dem sich andere Christen gerne aussetzen, können wir uns freuen. Und die komischen Spielchen in einigen Gemeinden und christlichen Gruppen, bei denen die einen die „Eltern“ sind und die anderen die „Kinder“ hätten sich erübrigt.

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  1. Sehr gut. So was wie „geistliche Eltern“ – reifere Christen, denen man vertrauen kann – suche ich auch schon Jahrzenhnte lang, weil ich denke, man könnte sich viel eigenes Umherirren und Suchen ersparen, wenn man jemand hätte, dem man wirklich vertrauen kann. Auf uns allein gestellt ist es zwar oft mühsamer als es sein müsste, aber wie es in dem Artikel heißt: „Gott sei Dank wirkt die Gnade Gottes auch ohne solche Begleitung in uns.“

    • … ich auch. Ich finde nicht mal geistliche Geschwister…Es ist manchmal so unglaublich schwer ohne Beistand und Rücksprache. In den Gemeinden fand ich genau das, was hier schon so gut und abschreckend beschrieben wurde. Das habe ich früher mitgemacht und bin daran fast zerbrochen.

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