Durch unsere Sozialisation in einem kirchlichen Umfeld und / oder die Vorstellungen von „christlich“, die wir durch Filme, Bücher, Beobachtungen u.a. entwickelt haben, meinen wir meist schon zu wissen, wie „christliches Verhalten“ aussieht. Vor allem ist es eines: lieb, nett und freundlich. Außerdem natürlich nachgiebig. Man läßt sich gerne auch mal übervorteilen.

Aber wie ist es wirklich? Im Folgenden plädieren wir nicht für Lieblosigkeit und Unfreundlichkeit – aber wir geben doch sehr stark zu bedenken, dass „christliches Verhalten“ etwas anders aussehen könnte, als wir es gewöhnt sind:

  • wenn es einen Konflikt zwischen der Wahrheit und dem „Nett-Sein“ gibt, so sollten wir ihn besser nicht zugunsten des Nett-Seins entscheiden. Vielmehr können wir nach Wegen suchen, unangenehme Dinge möglichst freundlich zu sagen. Wenn Muttis Essen nicht schmeckt (sie sich aber über ihre Kochkünste gerne aufwertet), dann können wir das sagen („Dich hab ich sehr lieb, Mama – aber das Essen schmeckt mir nicht“). Wenn du anderer Meinung bist als deine Schwester im Herrn, mußt du ihr das nicht möglichst verdeckt sagen  – sondern etwa“das sehe ich anders, und zwar so und so … aber schön, dass wir beide in Christus wertvoll sind“:

Eph 4,15 Lasst uns aber die Wahrheit reden in Liebe und in allem hinwachsen zu ihm, der das Haupt ist, Christus.

Kol 3,9 Belügt einander nicht, da ihr den alten Menschen mit seinen Handlungen ausgezogen

Eph 4,25 Deshalb legt die Lüge ab und redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten! Denn wir sind untereinander Glieder.

  • Unser Frieden untereinander ist etwas anders als der Friede, den wir mit Gott haben. Echter Friede untereinander entsteht nicht dadurch, dass wir die unangenehmen Dinge nicht benennen und „Friede, Friede“ rufen (mit Gott übrigens auch nicht – der kennt auch alle Fakten).  Auch diese Qualität ist nicht zu haben auf Kosten der Wahrheit und der Fakten. Es dient nicht dem Frieden, wenn alle so tun, als hätte Papa kein Alkoholproblem. Es dient nicht dem Frieden, wenn wir so tun, als wären wir in wichtigen theologischen Fragen der selben Meinung. Es dient nicht dem Frieden, wenn die Kinder so tun müssen, als hätten sich die Eltern nicht vor einer Stunde angeschrien und fast geprügelt … „Friedensstifter“ zwischen Menschen sind also keine Leute, die so tun, als gäbe es keine Probleme. Echter Friede untereinander entsteht niemals auf Kosten der Wahrheit:

Röm 14,19 So lasst uns nun dem nachstreben, was dem Frieden, und dem, was der gegenseitigen Erbauung dient.

1Thess 5,13b … Haltet Frieden untereinander!

Jak 3,18 Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird in Frieden denen gesät, die Frieden stiften.

  • Einander vergeben zu können ist eine wunderbare Möglichkeit, dem anderen nicht seine Schuld hinterher zu tragen (mehr dazu hier). Oft wird aber Vergeben verwechselt mit „Erneut-Vertrauen“. Wenn aber jemand durch sein Verhalten mehrmals unter Beweis gestellt hat, dass er uns schädigt und verletzt – dann sind wir nicht (nicht!) verpflichtet, ihm oder ihr erneut zu vertrauen. Wenn du einen kleptomanischen Bruder zu dir nach Hause einlädst, läßt du ihn besser keine Sekunde aus den Augen – oder triffst dich mit ihm in einem Cafe. Wenn jemand pädophile Neigungen erkennen läßt oder deswegen schon mal polizeilich bekannt war, läßt du ihn besser nicht im Kinderdienst mitarbeiten. Usw. Die Gleichsetzung von Vergeben mit Neu-Vertrauen ist eine große christliche Irrlehre, die viel Schaden anrichtet:

Eph 4,32 Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!

Kol 3,13 Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr!

  • Gegenseitige Unterordnung kann unsere Gemeinschaft untereinander sehr erleichtern. Schon die spürbare Haltung, dass ich mich jemand nicht als übergeordnet empfinde, wird dem anderen helfen und sein Selbstwertgefühl fördern und ein Gespräch unter Gleichen herbeiführen. Übel ist aber die „Unterordnung“ unter Leiter, die Unterordnung als Gehorsam diesen Leitern gegenüber definiert (und sie vielleicht auch noch als „Gesalbte des Herrn“ bezeichnet, die man nicht antasten dürfe). Diese „Unterordnung“ begünstigt den Machtmißbrauch von Leitern und befreit sie von ihrer Verantwortung gegenüber denen, die sie zu leiten vorgeben:

Eph 5,21 Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi

Mt 20,25 Jesus aber rief sie heran und sprach: Ihr wisst, dass die Regenten der Nationen sie beherrschen und die Großen Gewalt gegen sie üben. Mt 20,26 Unter euch wird es nicht so sein; sondern wenn jemand unter euch groß werden will, wird er euer Diener sein.

  • Das Verbot zu richten ist etwas, was leider oft von denen angeführt wird, die was falsch gemacht haben – im Sinne von „richte mich nicht“. Aus etwas, was u.a. den Opfern von schlechtem Verhalten helfen soll, wird etwas gemacht, dass die Täter schützt. Und oft kann man auch noch beobachten, dass die Täter munter selbst richten – alles und jeden, nur nicht sich selbst (jedenfalls nicht auf gute Weise). Natürlich hilft es dir, nicht zu richten und Täter nicht zu verdammen (sondern „nur“ ihr Verhalten als falsch, lieblos, verletzend, übergriffig oder was auch immer zu bennen). Es hilft dir, nicht zu richten, sondern dein Herz weich zu halten und nicht unabsichtlich die Härte vieler Täter selbst anzunehmen.
  • Vor allem aber führt das sehr weitverbreitete Richten dazu, dass Christen instinktiv lernen, es sei völlig normal, andere wegen ihres Verhaltens zu verdammen. Und meist noch in der Form, dass man nicht mit dem anderen über sein Verhalten redet, sondern über ihn – wohl deshalb, weil es einem öfter an Mut oder Liebe fehlt. Gegenüber all dem bleibt festzuhalten: Richten, Verdammen, Aburteilen, Reder über den anderen sind KEINE „christlichen“ Verhaltensweisen.

Röm 14,13 Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis zu geben!

Röm 2,1 Deshalb bist du nicht zu entschuldigen, Mensch, jeder, der da richtet; denn worin du den anderen richtest, verdammst du dich selbst; denn du, der du richtest, tust dasselbe.

  • [es gibt natürlich noch weitere Punkte und vermutlich werden wir den Artikel immer wieder mal ergänzen]

Wir sehen also, dass wir allen Grund zum Mißtrauen zu haben, wenn uns bestimmte Verhaltensweisen als „christlich“ nahegelegt werden. Vielmehr ist es richtig, dass ein feiges, konfliktscheues, harmoniesüchtiges, zu nachgiebiges, kadavergehorsames, vertrauensseliges – aber natürlich auch ein hartes, verurteilendes und unbarmherziges – Verhalten weder uns noch den anderen nützt.

Ergänzend verweisen wir auf unseren Artikel „Einander“.

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