Im NT wird oft hervorgehoben, dass Jesus und seine Anhänger Galiläer waren. (Vgl. z.B. die Frage an Petrus im Hof des Hohepriesters: „Du bist doch auch ein Galiläer?“ usw.). Und man bekommt den Eindruck als wären die Galiläer bei den Juden des Kernlandes als ungebildete, fast areligiöse Hinterwäldler verschrien gewesen, nach dem Motto: „Kann von hierher überhaupt etwas Gutes kommen?“ (Joh 1) Offenbar galt Galiläa damals als fast heidnisches Gebiet, weil so viele fremde einfache Menschen dort lebten, die überhaupt keine Juden waren. Vor diesem historischen Hintergrund bekommt die Gnaden-Botschaft Jesu eine viel stärkere Verankerung jenseits aller besonderer Religion, Gesetzeskenntnis und religiöser Bildung als gemeinhin angenommen…
(bin auf die Thematik durch ein kurzes youtube-Video von J.Prince „Walk in Greater Faith…, Israel“ gekommen)

Folgende Punkte scheinen auf den ersten Blick in diesem historisch-biblischen Kontext wichtig:

Mat 4 (z.B.) nennt als zentrale Prophezeiung des AT (nach Jes. 9) – als das eigentliche Zielgebiet der Mission Jesu: „das Galiläa der Heiden (…) denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.“ Und diese Formulierung „Galiläa der Heiden“ scheint keine bloße Floskel! Nach den Historikern/Archäologen hat die Bibel hier Recht: Ca. 50% der Menschen, die Jesus dort traf, heilte und denen er den Segen Gottes versprach, waren wohl überhaupt keine Juden, kannten das Gesetz nicht und warteten auch nicht auf den Messias. Viele, der sehr einfachen armen Menschen dürften Jesus nur als einfachen Mann erfahren haben, in dem die Gnade Gottes in einem bisher unbekannten, für Menschen unvorstellbarem Ausmaß wirksam war. Sozusagen als Personifizierung der „Liebe Gottes, die sich in das Elend der Welt mischte und auch elend ward, damit das Elend der Welt mit ihr herrlich gemacht werde…“ (frei-schwülstig nach Goethe). Jedenfalls spricht das NT davon, dass zu seinen Nachfolgern „Scharen von Menschen aus Galiläa, von jenseits des Jordan und der Dekapolis“ (Vgl. z.B. Mat 4,24f., „ja sogar durch ganz Syrien“; z.B. auch viele Samariter) gehörten – also wohl sehr, sehr viele Nicht-Juden. Gerade darum war er wohl den streng religiösen, buchgläubigen Juden ein Stein des Anstosses. Man verstieß ihn aus der Synagoge von Nazareth und stellte Überlegungen an, ob er nicht ein Samariter sein könnte, der die jüdische Religion und Kultur untergraben will (Mk 6, Joh 8). Überhaupt kann man z.B. das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter wohl erst in diesem Kontext richtig verstehen: Jesus rechtfertigt sich hier dafür, dass er jenseits seiner Religion, seines Volkes, sozusagen im Feindesland, auf die Menschen zuging und ihnen half !

Zu bedenken bleibt also: Wenn Jesus zu den unzähligen, unterschiedlichsten Menschen Galiläas, die sein Gewand berührten, sagte: „Dein Glaube hat dich gerettet !“, dann war – im historischen Kontext – wohl nicht der korrekte biblische Glaube an ihn als jüdischer Messias gemeint, sondern der Glaube an eine Gnade Gottes, die jenseits aller irdischer Religion und Tradition helfen und retten will.

Jedenfalls lässt es das NT offen, ob z.B. die blutflüssige Frau im „galiläisch-heidnischen“ Kafarnaum an ihn als Messias glaubte. Es stellt nur fest: „Alle leute versuchten ihn zu berühren, denn es ging eine Kraft von ihm aus, die heilte.“ (Lk 6). Auch Jesus selbst fragte im „Galiläa der Heiden“ nicht nach der korrekten Religion. Er erweckte z.B. den Sohn der Witwe in Nain aus Mitleid von den Toten, ohne zu fragen, woher die Familie gekommen war und was sie getan hatte …

Dazu kommt: Jesus, der Galiläer, ging oft gezielt in das echte Heidenland jenseits Galiläas !

Das NT (Mk 5) berichtet: Jesus fuhr von anfang an gezielt über den See zur Dekapolis, den heidnisch-griechischen Städten – also zu den feindlichen, unreinen „Schweinehirten“ um zu heilen und zu segnen (für ihn auch „verlorene Söhne“ ?) Hier heilte er u.a. einen mörderisch-gefährlich Besessenen – wohl als Zeichen, dass der höchste Gott sogar heidnischen Übeltätern „Erbarmen“ (5,19) zeigt. Auch begab er sich dann in das Gebiet von Tyrus und Sidon und wohnte dort heimlich bei den als „Hunden“/„Schweinen“ verschrienen. Dort begegnete er ja der heidnischen Frau, die ihn und seine Jünger öffentlich zurechtwies und deren „großen Glauben“ er dann bewunderte. Sie war überzeugt: Selbst unreine, feindliche „Hunde“ von anderer Religion dürfen auf das Brot des Lebens hoffen (Mt 15,28). Die Rückreise erfolgte dann „mitten in das Gebiet der Zehn Städte“ – also ins tiefste Heidenland. Hier gab er dann (wohl motiviert durch den Glauben, den er bei der heidnischen Frau gesehen hatte ?!) eines seiner größten Zeichen: Er speiste auf heidnischem Gebiet 4000 Menschen mit dem Brot des Lebens und sprach seinen Segen (Mk 8) usw.

Man kann fast schon den Eindruck bekommen, dass Jesus mit seinen „Wundern der Gnade“ selbst in Galiläa weniger anerkannt war, als auf wirklich heidnischem Gebiet: „Ein Prophet gilt nichts in seinem Land !“ bzw. „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann !“ usw. Jedenfalls scheint Jesus oft extrem enttäuscht, verzweifelt über viele Städte Galiläas, die ihn nicht als göttlich Begnadeten sahen, sondern gemeinsam mit den Schriftgelehrten des Temples öffentlich „verachteten“.

[Der Beitrag war ursprünglich ein Kommentar eines Lesers]

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