Leider sitzen die Opfer geistlichen Mißbrauchs mit ihren ehemaligen Peinigern theologisch oft noch in einem Boot. Das liegt vermutlich daran, daß sie deren Handeln auf Charakterschwächen zurückführen (die ihren Anteil haben mögen) – und nicht auf die Theologie, die diese Herrschaften vertreten.

Wer glaubt

  • wir müssen Gott um jeden Preis gehorsam sein
  • die örtliche Gemeinde präsentiert den Schutz Gottes für mein Leben
  • der Segen fließt durch den oder die Leiter der Gemeinde
  • Segen ist eine Folge von Gehorsam
  • wir sind gerade mal so gerettete Sünder
  • regelmäßiger Gemeindebesuch ist ein Muß
  • wir müssen den Zehnten geben, sonst …

der hat schon einige wesentliche Glaubenssätze zusammen, um dem geistlichen (Macht)Mißbrauch Tür und Tor zu öffnen.

Es reicht also nicht, sich räumlich und sozial von machtmißbrauchenden Leitern zu distanzieren – man muß auch theologisch ordentlich ausmisten. Wo die Strenge des Gesetzes, der gemeindlichen Regelkataloge, das “Müssen” regiert, da wird ein machtmißbrauchender Leiter nur personifizieren, was atmosphärisch längst vorhanden ist.

Nur da, wo Christen konsequent die Freiheit zugestanden wird, zu sündigen und die Regelkataloge links liegen zu lassen, ist eine wesentliche Voraussetzung für gesunde Machtausübung gegeben. Das gilt auch für die, die sich gegen ihre (ehemaligen) Peiniger zur Wehr setzen: jedes Raunen von Gericht und “Gottes Strafe” und “das wird Folgen haben” (diesmal bezogen auf die Täter) ist fehl am Platz – das ist die Sprache und das Denken der Täter. Die Botschaft muß sein: “Eure Theologie ist falsch – euer Führungsstil verletzt und schädigt andere Menschen – es gibt Alternativen”. Die Chance, damit bei den Tätern Gehör zu finden, ist allerdings verschwindend gering.

Kein Problem ist es

  • Mißstände öffentlich zu machen
  • Leiter unter vier und mehr Augen mit ihrem Fehlverhalten zu konfrontieren
  • Erfahrungsberichte zu schreiben und zu veröffentlichen
  • Flugblätter vor Kirchentüren zu verteilen
  • ungesetzliches Verhalten zur Anzeige zu bringen

Aber ganz viel kommt auf den Ton an und vor allem auf die Inhalte. Die krankmachende, mißbrauch-begünstigende Theologie muß kurz und knapp auf den Punkt gebracht werden – und kurz und knapp widerlegt werden. Umfangreiche Hexenjagden unter Nennung privater Details der Täter sind kein guter Stil – und vor allem Unrecht seitens der Opfer.

Viel wichtiger aber ist es, wieder (oder erstmals) etwas zu bekommen, was ein Leben ist. Es ist kein Leben, einen Kreuzzug gegen die ehemaligen Peiniger zu führen. Es ist eine normale Entwicklung, daß irgendwann kein Ärger mehr da ist, der nach Aktion drängt. Wir brauchen Freunde, Familie, Spaß, Aufgaben, ein gutes Berufsleben etc. – und dafür brauchen wir Energie.

Kurz noch etwas zu den Alternativen im Gemeindeleben (wenn sich denn wirklich die Chance dazu bietet): Der Job eines Leiters ist es, Freiheit zu verkünden und über sie zu wachen. Und gut, wenn er keine One-Man-Show ist, sondern Teil eines wirklich gleichberechtigten Teams von Leitern.

Allerdings ist Gemeindebau etwas völlig anderes, wenn man die Mitglieder und Besucher einer Gemeinde nicht mehr zwingen kann. Hier gibt es kaum Erfahrungswerte, wie “Leiten” dann aussieht und sich anfühlt.

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