Gesetzeslehrer konzentrieren sich in 1.Korinther 5 gerne auf den Fall sexueller Sünde, der dort abgehandelt wird. Sie übersehen, daß aber in Vers 11 weitere Anwendungsfälle genannt werden.

  • Habsüchtige
  • Götzendiener
  • Lästerer
  • Trunkenbold
  • Räuber
  • dazu kommen die Gesetzeslehrer, die von Paulus, Petrus und Judas an zahlreichen Stellen abgehandelt werden

Spätestens bei Götzendienern, Habsüchtigen und Lästerern ist uns bisher schleierhaft, wie wir das näher konkretisieren könnten. Die gesetzliche Theologie hat sich leider nicht dafür interessiert. Entsprechend beschränkt sie sich auch auf das „Rauswerfen“ von Unzüchtigen (was immer das konkret sein mag – das ist ein anderes Thema) – und denkten nicht im Traum daran

  • den Zehnten-Zahlenden Ausbeuter-Unternehmer vor die Tür zu setzen, der seine Mitarbeiter schlecht und oft zu spät bezahlt;
  • oder den jungen Bruder zu ermahnen, der immer wieder mit kultivierten, aber doch fremdenfeindlichen Bemerkungen daherkommt;
  • oder die Frau zu konfrontieren, die regelmäßig und aus Überzeugung ihre Kinder verprügelt;
  • oder die verheirateten Männer, von denen man eigentlich weiß, daß sie den alleinstehenden Damen in der Gemeinde hinterher steigen;
  • oder die Mutter,die die Kinder beim Vater gelassen hat und nun keinen Unterhalt zahlt

Das Thema „Gemeindezucht“ (vielleicht gibt es ein zutreffenderes Wort dafür?) muß aber unbedingt in einen breiteren Zusammenhang gestellt werden. Denn es war in den ersten Gemeinden kein Mittel in der Hand von Gesetzeslehrern, die für moralische Sauberkeit in den Gemeinden gesorgt hätten.

Die Gemeinden damals waren viel mehr gelehrt, aus der Gnade Gottes zu leben und sich vom Gesetz fernzuhalten. Dabei kam es zu erstaunlichen und rasanten Veränderungsprozessen – auch durch den kollektiven Teil des „Lebens aus Gnade“. Allein, daß Paulus in der Lage war, nach ein bis zwei Jahren in einer Städte Älteste einzusetzen, muß uns doch erstaunen – denn an anderer Stelle wird uns ja gesagt, daß diese Aufgabe nicht an Christen vergeben werden soll, die neu im Glauben sind.

Die Christen der damaligen Zeit hatten eine echte Chance, ihre Erlösung in Bezug auf ihre konkrete Lebenssituation, ihre konkreten Bedürfnisse zu erleben und zu genießen. Manches empfingen sie direkt von Gott, anderes voneinander. Sie ließen sich von innen nach außen verändern und betrachteten nicht das Gesetz als Mittel, ihr Verhalten zu verändern. Trotz all der uns berichteten Fehler in den damaligen Gemeinden muß es dort völlig anders zugegangen sein, als wir uns das heute vorstellen. Wir wären vermutlich überrascht, vielleicht auch befremdet.

In diesem Kontext – und nur in diesem Kontext! – ist es kein Kavaliersdelikt mehr, wenn Christen trotz offensichtlich vorhandener Alternativen immer noch zu Mitteln greifen, mit denen sie ihre Probleme nicht nur an Gottes Möglichkeiten vorbei, sondern auch noch auf eine Weise „lösen“ wollen, die andere schädigt.

Anders gesagt: „Gemeindezucht“ ohne den Kontext der spürbar verändernden Gnade ist eine sehr problematische Sache. Denn wir müssen den „Irrenden“ ja auch eine echte Alternative der Veränderung und der Bedürfnis-Befriedigung anbieten können.

Und noch etwas weiteres kommt hinzu: „Gemeindezucht“ kann nur dann eine Strafe sein, wenn ich dadurch etwas sehr wertvolles und wohltuendes verliere – nämlich das  liebevolle, anteilnehmende, wirklich interessierte, ehrliche, entspannte Verhalten und Geben und Nehmen der Gruppe, zu der ich gehört habe! Das gibt der Sache erst die Härte – und mir als Betroffenen einen Grund darüber nachzudenken, ob ich nicht vielleicht doch falsch liege.

Die Atmosphäre und die Verhaltensmuster in heutigen „Gemeinden“ sind dagegen oft eine Art Dauer-Gemeindezucht – ohne daß den Betroffenen eigentlich klar wäre, was sie falsch gemacht haben. Aufmerksamkeit, Anteilnahme und anderes werden schnell reduziert, wenn sich jemand außerhalb der Norm verhält. Und Menschen mit enormem Fehlverhalten, das auch andere schädigt, kommen durch, so lange sie sich an bestimmte Regeln halten (regelmäßiger Gottesdienst, Geld geben, die richtigen Formulierungen benutzen, „nett“ sein u.a.).

Gemeinden, die einen anderen Ansatz leben wollten, würden sich vermutlich erst mal auf die Gemeindezucht gegen Gesetzeslehrer ( https://konsequentegnade.wordpress.com/gemeinde-zerrbild-und-zukunft/umgang-mit-gesetzeslehrern/ ) beschränken. Außerdem auf Menschen, deren Verhalten so offensichtlich die anderen schädigt, daß man das nicht mehr als Privatsache sehen kann.

Erst wenn sich offensichtlich deutlich persönliche und kollektive Gnade zeigt, macht dann auch Gemeindezucht nach dem Muster der ersten Gemeinden wieder Sinn.

Denn es geht nie darum, einfach Verhaltensmuster der ersten Christen zu kopieren – nach dem Motto „zurück zu den Wurzeln!“. Sondern es geht darum, den Zugang zu finden zu dem, was dieses Verhalten hervor gebracht hat.

Wir können nicht einfach die Ärmel hochkrempeln und sagen „so, jetzt machen wir alles wie die ersten Christen“. Verhalten zu kopieren und an die verändernde Macht von Verhalten zu glauben, ist das Kennzeichen einer gesetzlichen Sicht auf Jesus und seine Erlösung.

Und es kann gut sein, daß wir in Teilen „nur“ ähnliches Verhalten hervorbringen, weil unsere Umstände eben auch in Teilen anders sind.

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