Folgende Bibelstelle wird gerne zitiert, um nachzuweisen, daß es sehr wohl eine Zitterpartie ist, in den Himmel zu kommen und wir uns ruhig dabei kräftig anstrengen sollen:

Phil 2,12 Daher, meine Geliebten – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit -, bewirkt euer Heil mit Furcht und Zittern! Phil 2,13 Denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen.

Läßt sich näher bestimmen, worauf sich dieses „Furcht und Zittern“ bezieht? Machen wir den Versuch …

Einführend sei gesagt, dass „Furcht und Zittern“ vermutlich eine Art Redewendung war (ähnlich wie „ich prüfe dich auf Herz und Nieren“ oder „über alle Berge sein“), die aus dem Hebräischen ins Griechische übertragen wurde (ein sogenannter Septuagintismus) – und damit längst nicht die Bedeutung hat, die man dieser Formulierung oft zumißt. Und die man ihr auch nur dann zumißt, wenn man auf der Suche ist nach Bibelversen, die unseren Beitrag am Erhalt unserer Errettung eventuell beweisen könnten. Und es ist sowieso kein sauberes Verfahren, das klare Zeugnis vieler Bibelverse zur Errettung allein aus Gnade in Frage zu stellen aufgrund weniger anderer, die dazu noch unklar sind.

Im folgenden gehen wir dennoch erst mal davon aus, dass „Furcht und Zittern“ Furcht und Zittern meint 😉

Schon dass auf „Furcht und Zittern“ die Begründung Phil 2,13Denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen“ sollte doch jeden aufmerksamen Leser  sofort zum Nachdenken bringen. Denn „Furcht und Zittern“ in Zusammenhang mit „bewirkt euer Heil“ – das klingt nach „Streng dich an!“. Aber dann kommt sofort der Dämpfer für diese Sicht: Gott bewirkt in uns Wollen und Vollbringen, wir können das nicht tun.

Wir dürfen also nicht einfach davon ausgehen, daß Gott das Wollen und Wirken(Können) immer oder überwiegend in uns vollbracht HAT (wir warten oft noch darauf). Das sagt uns der Vers 13. Was wollen wir denn aktuell? Was wirken wir momentan? Um unser gegenwärtiges Wollen und Wirken klar sehen zu können, sollten wir uns besser keine Illusionen über uns selbst machen. Und das Hauptmittel für Illusionen – ist die Befolgung des Gesetzes. Es darf keine Zweitmotivation von seitens des Gesetzes geben, wenn wir unseren derzeitigen Zustand klar sehen wollen. Tote Werke, motiviert durch das Gesetz, täuschen uns über den Grad unserer konkreten Veränderung. Es geht also bei „bewirkt euer Heil“ nicht darum, einfach aus eigener Kraft etwas zu tun, für das uns – wenn wir ehrlich sind – die Motivation fehlt (also das „Wollen“).

Nur mit Verzicht auf unsere eigenen Anstrengungen kriegen wir ein klares Bild über unseren inneren Zustand – und das, was wir im Moment wirklich „wollen und wirken“ können. Täuschung über unseren wirklichen Zustand ist eine Wirkung des Gesetzes, weil uns unsere „Taten“ darüber täuschen, wie es wirklich um uns steht.

Davor – vor der Täuschung durch Anstrengung anhand der Befolgung des Gesetzes – sollten wir ruhig mit „Furcht und Zittern“ zurückschrecken. Denn wenn wir uns vom Gesetz motivieren lassen,  bewirken wir vieles – aber sicherlich nicht unser Heil (sondern Fluch!).

Übrigens ist es wenig wahrscheinlich, daß „Heil“ in diesem Zusammenhang für die ewige Erlösung steht: denn die ist nun mal ein Geschenk. Und wir können nichts zu ihr beitragen.

Zu unserer persönlichen Veränderung können wir aber etwas sehr wichtiges „beitragen“ – die Einsicht, daß wir sie brauchen und nicht selbst bewerkstelligen können.

Nun zur Methode, wie wir „unser Heil bewirken“. Denn kurz danach wird genau das thematisiert:

Phil 2,16 indem ihr das Wort des Lebens festhaltet …

Das klingt nicht wie Werke und Anstrengungen. Wir haben nur den Job, uns von allen Versuchungen durch das Gesetz fernzuhalten und uns von unserem Versagen nicht entmutigen zu lassen und auf das Werk der Veränderung in uns zu vertrauen. Jesus ist und bleibt unser Leben. Er ist in uns und bringt Veränderung und Frucht, Wollen und Vollbringen in uns hervor. Wir empfangen das dankbar, aber wir können nicht mithelfen.

Aber es gibt noch einen anderen Anlaß zu „Furcht und Zittern“, der sich aus dem „Bewirken des Heils“ ergibt:

Unsere Bedürfnisse sind nicht zu ignorieren, sie verlangen machtvoll nach Erfüllung. Erfüllte Bedürfnisse sind ein Teil des „Heils“, der Erlösung, die wir hier und jetzt erfahren. Wir sind nicht zu einem Leben in ständigem Mangel erlöst worden. Und da wir instinktiv nach Beseitigung von Mangel streben, gibt es immer ein „Wollen und Wirken“ in uns. Und auch wenn dieses „Wollen“ ins uns nicht gut ist und uns in Probleme bringt (statt den Mangel zu beseitgen): wir werden so lange auf eine falsche, nutzlose Weise nach der Beseitigung von Mangel streben, BIS Alternativen in uns entstehen – die die Bedürfnisbefriedigung wesentlich nebenwirkungsfreier machen. Dies durch Gesetz, gemeindliche Regelkataloge oder was auch immer unterdrücken zu wollen („ignoriere deine Bedürfnisse! Alles für den Herrn!“) – führt zu weiteren Sünden (etwa Heuchelei). (Womit nebenbei wieder klar wäre: Sünde ist unvermeidbar! Dann aber ist es klug, sich über die Nebenwirkungen von Sünden Gedanken zu machen – und die harmloseren Varianten zu wählen.)

Wir brauchen also auch darin eine INNERE Veränderung – nämlich für die Art und Weise, wie wir einige (oder viele?) unserer Bedürfnisse erfüllen. Das erreichen wir aber nicht, in dem wir uns selbst disziplinieren, uns in ein gesetzliches Korsett zwängen oder durch den Versuch, vermeintlich zweifelhafte Bedürfnisse durch Nicht-Befriedigung „auszutrocknen“. Haben wir also ruhig „Furcht und Zittern“, wenn es um unsere Bedürfnisse geht.

Kurz zu Bedürfnissen: Jesus hat nie gesagt „der Mensch lebt nicht vom Geist allein“ – sondern eben „der Mensch lebt nicht vom Brot allen“! Etwas länger zu Bedürfnissen: https://konsequentegnade.wordpress.com/unser-neues-leben/wie-bedurfnisse-zu-begierden-werden/

Menschen tun Dinge, weil sie sich wertlos fühlen: Wer als Christ seinen Wert in Jesus nicht kennt UND fühlt, wird auch vieles tun, um sich wertvoller zu machen (obwohl er längst wertvoll IST) – und dazu kann auch das Halten des Gesetzes gehören („Ich bin ok, wenn ich mich an die Regeln halte“). Aber eben auch Dinge, die den Gesetzi sagen lassen „Siehst du, dazu führt die böse Gesetzlosigkeit“. Aber letztlich ist es die gleiche Motivation: Wertdefizit! … vermutlich könnte uns die Frau vom Jakobsbrunnen dazu einiges sagen. Dieses Problem mit „Furcht und Zittern“ mit Gott durchzusprechen, könnte bedeuten, so etwas zu sagen wie „Wenn du mich da nicht veränderst, mache ich die Dinge in 20 Jahren noch genauso“.

Unser HEIL mit „Furcht und Zittern“ zu bewirken, ist eine der Regeln, mit der wir uns vor dem Gesetz schützen können, vor allen möglichen Abkürzungen, die uns Veränderung und Erfüllung versprechen.

Regeln, die unsere Freiheit in Christus unterstützen, werden von Gesetztreuen gerne als „Gesetz“ diffamiert, im Sinne eines „Seht ihr, ihr habt auch Regeln! Ihr seid auch gesetzlich!“ Aber das ist nur ein verbaler Trick. Denn an diese Regeln muß ich mich nicht halten – das Gesetz dagegen verlangt absoluten und sofortigen Gehorsam. Und diese Regeln (etwa „Bleibt in mir!“) dienen nicht dazu, sich zu verdienen, was uns durch Jesus längst geschenkt ist: Erlösung, Hilfe, Segen, Annahme, Vergebung etc. … (dieses Selbstverdienen-Wollen ist eigentlich doch eine Beleidigung Gottes, der uns alles umsonst schenken will).

Daß das Gesetz nicht mehr gilt, ist nicht einfach nur ein theologischer Satz. Es befreit uns in konkreten Situationen von dem Versuch, an uns selbst herumzubasteln, um uns bzw. unser Verhalten zu verändern. Vor dieser Selbstverbesserung sollen wir uns ruhig fürchten – und stattdessen festhalten: „Jesus, nur du kannst mich verändern!“

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