Es gibt keine Christen, die nur auf dem Papier Nachfolger sind – sie sind es alle. Übrigens auch „Jünger“ genannt. Und wie wir an vielen Stellen in der Apostelgeschichte sehen, wird zwischen Erretteten und Jüngern nicht unterschieden:

Apg 14,21 Und als sie jener Stadt das Evangelium verkündigt und viele zu Jüngern gemacht hatten, kehrten sie nach Lystra und Ikonion und Antiochia zurück.

Apg 18,23 Und als er einige Zeit dort zugebracht hatte, reiste er ab und durchzog der Reihe nach die galatische Landschaft und Phrygien und stärkte alle Jünger.

(Und es gibt weitere Stellen in der Apostelgeschichte)

Aber dann wiederum teilen sie sich heutzutage in mindestens vier Kategorien auf:

  • die, die Gesetzestreue fälschlicherweise für Nachfolge halten (und sich gerne in Tagträumen von “Hingabe” und “Alles für den Herrn” ergehen, die ihrem religiösen Fleisch höchste Befriedigung verschaffen)
  • die, die Gesetzestreue ebenfalls für Nachfolge halten – und (verständlicherweise) längst aufgegeben haben, weil sie schon immer schlecht im Anstrengen waren
  • die, die sich zwar theologisch vom Gesetz verabschiedet haben – die Jüngerschaft aber mit einer Strenge beschreiben und betreiben, die vom Gesetz-Halten sehr schwierig bis gar nicht zu unterscheiden ist
  • und die, die Nachfolge als Leben mit und durch Jesus verstehen, sich von allen Gebotereien fernhalten, auf die Veränderung von Innen nach Außen setzen, sich erst einmal als Bedürftige sehen, die nichts zu geben haben, wenn Jesus sie nicht beschenkt etc. pp

Jesus zwingt uns nicht zu Verhaltensänderungen. Wir müssen keine Jünger sein in dem Sinne, dass wir nun aus eigener Kraft und umgehend unser Verhalten „christlicher“ werden lassen.

Jünger Jesu sind wir so automatisch wie wir auch errettet sind. Dazu ist keine besondere Anstrengung nötig.  Das ist nur deshalb möglich, weil wir vom ersten Moment an einem Veränderungsprozess ausgesetzt sind, den der Heilige Geist in uns bewirkt. Wir brauchen uns also nicht zu wundern, wenn wir in uns die Sehnsucht nach Veränderung bzw. Verändert-Werden verspüren. Wer erkannt hat, dass er in Christus neues Leben hat, eine Neue Natur, bereits grundlegend verändert ist, er „Gnade um Gnade“ (Johannes 1,16) nehmen kann und bekommt – der muss sich manchmal schon richtig anstrengen, um dem zu widerstehen und nicht fasziniert zu sein.

Jeder, der beim Gedanken an Nachfolge sofort instinktiv sagt „dafür bin ich zu schwach“, gehört mit ziemlicher Sicherheit zu den Gruppen zwei und drei.

Wer dagegen auf seine Knie geht und sagt „Herr, ich will alles für dich geben, sogar mein Leben!“ gehört mit ziemlicher Sicherheit zu Gruppe eins.

Wer sich stattdessen erst mal einen Kaffee holt und dann sagt „Herr, ohne dich kann ich nichts tun … Askese und Verzicht? Ohne mich!! … was ich nicht spürbar in mir habe, kann ich auch nicht geben … Frucht? Ok, aber bitte ohne frommes Gekrampfe … Gemeindespielchen? Pure Zeitverschwendung … ja, ich will Veränderung – das spüre ich deutlich. Aber ich werde nicht nachhelfen, Du musst es in mir bewirken“ – der gehört vermutlich zu Gruppe vier.

Und er hat verstanden, dass Veränderung ebensowenig wie Errettung etwas ist, zu dem wir etwas beitragen können. Es ist etwas, was an uns geschieht. Ein Jünger Jesu muß sich nicht vornehmen, dass er heute oder die nächste Woche besonders „in der Nachfolge lebt“. Denn er weiß, dass er sowieso nur die Veränderung ausleben kann, die bereits in ihm von Gott bewirkt worden ist:

Kol 2,6 Wie ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, [aus Gnade] empfangen habt, so wandelt [aus Gnade] in ihm,

Röm 12,2a Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt / lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Sinnes / des Denkens / des Wollens …

Damit wollen wir keineswegs sagen, dass wir als Christen bzw. Jünger ein schmerz- und problemfreies Leben leben werden. Es mag sein, dass wir manchmal einen „Preis zahlen“, weil wir uns von der Gnade Gottes nicht abbringen lassen.

Aber der Schmerz ist keine Folge eines inneren Konflikts in uns – dass wir nämlich zu tun versuchen, was wir gar nicht wollen oder wofür wir noch nicht bereit sind; keine Folge einer Art „Vorwegnahme“ von Frucht, die noch gar nicht entstanden ist. SONDERN der Schmerz ist Folge eines äußeren Konflikts, etwa mit denen, die dem Gesetz folgen und nicht Jesus.

So wie „Jüngerschaft“ aber in weiten Kreisen verstanden wird, stellt sie sich als eine Art „inneres Drama“ dar, über das dicke Bücher geschrieben werden – Bücher, die viel mit Begriffen wie Zerbruch, Hingabe, „alles geben“, „Kreuz tragen“ usw. hantieren müssen. Denn hier versuchen Christen, mit ihren natürlichen Ressourcen (also „gleichförmig mit dieser Welt“) eine geistliche Frucht und eine Veränderung hervorzubringen, die nur der Heilige Geist in uns bewirken kann. Dabei entsteht viel überflüssiger Schmerz – und noch schlimmer: es ist Schmerz, der sich nicht lohnt, weil am Ende nur wieder etwas Natürliches steht (wenn auch mit religiösem Anstrich).

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  1. Ich freue mich, dass es jemanden gibt, der diese Wahrheit vertritt. Selten gibt es Christen, die eine Verwerfung des Fleisches und Erfüllung des Geistes Christu folgen wollen, was dann natürlich von fleischlichen und seelischen Bemühungen wegbringt. Aber ich denke, ein Christ der ein gottgefälliges leben führen möchte grade durch seelische Bemühungen mehr und mehr zur Erkenntniss kommt, dass er auf den heiligen Geist angewiesen ist. Er will sich anstrengen gottgefällig zu leben , wird aber immer wieder Sündigen und immer wieder hinfallen. Er erkennt, dass er etwas braucht. Er allein ist garnicht in der Lage dazu, ein gottgefälliges leben zu führen.

  2. Er schreit zu Gott, verzweifelt und ausepowert. „Wieso kann ich dich nicht erreichen? Ich strenge mich an dir zu gefallen, nicht zu sündigen, aber es bringt nichts. Statt weniger zu sündigen wird es mehr. Was mach ich falsch?“ In So einer aussichtslosen Lage erkennt der Mensch, dass er Hilfe braucht. Genau dafür ist Jesus Christus gestorben. Der natürliche Mensch, ob „gut“ oder „schlecht“ ist von Gott verworfen. Nur durch Christus in uns können wir ein gottgefälliges leben führen. Dann kommen wir wieder zum Thema „Nachfolger von Jesus“. Ich würde mich gerne mit jemanden unterhalten, der nach dem wahren Evangelium sucht. Ich habe fragen die mich beschäftigen. Ich würde mich freuen wenn sich jemand meldet. Andreas.klemm.95@googlemail.com

    • Diese Unterscheidung zwischen Errettung und Jüngerschaft ist sehr wichtig. Insofern also ein verdienstvoller Artikel.

      Da wir Jüngerschaft bzw. Veränderung nicht vom Willen und den Anstrengungen des Jüngers abhängig machen, sehen wir ein paar Punkte natürlich anders: wir sind errettet aus Gnade – wir lassen uns verändern durch Gnade.

  3. Ein kurzer Gedanke zu diesem Thema. Der Begriff „Nachfolger“ wird meines Wissens nach außerhalb der Evangelien kein einziges Mal verwendet, was – wenn man genau darüber nachdenkt – auch Sinn ergibt, denn Nachfolgen konnte man Jesus ja nur, als Jesus physisch auf der Erde war. In den Briefen wird hingegen von „Nachahmer“ gesprochen. In diesem Sinne wären wir als Nachahmer Nachfolger.

    Zudem die Frage ob Ihr sicher seit, dass der Punkt „zwischen Erretteten und Jüngern wird nicht unterschieden“, korrekt ist, denn die Jünger von Johannes waren nicht errettet. Auch ein Judas war ein „Jünger“.

  4. „Jünger Jesu sind wir so automatisch wie wir auch errettet sind.“ „Wer erkannt hat, dass er in Christus neues Leben hat, eine Neue Natur, ist bereits grundlegend verändert.“ „Er ist schon ein Jünger“. Eure Aussagen finden m.E. direkte Bestätigung im Johannesvangelium.
    Im Gespräch mit dem Gesetzeslehrer Nikodemus sagt Jesus: Die Menschen brauchen eine geistige „neue Geburt“ um ihre spirituelle „Blindheit“ zu verlassen – das himmlische Reich Gottes zu sehen: Wer in Jesu Gnade und Heilung Gott erkennt, hat neues ewiges Leben. Diese neue Geburt erfolge durch reinigendes „Wasser und Geist“ und schaffe einen neuen Menschen.
    Verdeutlicht wird dies dann in der Heilung des Blinden (Joh 9), der sich dann selbst zu einem „Jünger Jesu“ erklärt, weil er glaubt, dass die Gnade Jesu, obwohl jenseits des Gesetzes, von Gott direkt stammt:
    An einem Sabbat „öffnet“ Jesus einem blinden Juden, dessen Krankheit bei den Juden als Folge von Sünden gilt, „die Augen“ (Doppelsinn!!). Der blinde Jude wird durch einen Teig aus Lehm mit dem Speichel Jesu (vgl. Genesis) und Wasserreinigung geheilt: Seine Nachbarn wissen nicht: Ist dies ein anderer, neuer Mensch oder der alte? Er bekennt sich darauf als „Jünger Jesu“. Die gerechten Pharisäer bezeichnen sich jedoch als „Jünger des Mose“ und verurteilen Jesus als „Sünder“ gegen das Gesetz, da er am Sabbat heile. Doch der durch Gnade zum ersten mal Sehende ist sich sicher: Jesus ist von Gott gekommen, denn sonst könnte er keine umfassende Gnade erweisen.
    In den Augen Jesu hatte der blinde Jude, sogar einen Vorteil gegenüber den Pharisäeren: Er wusste, dass er des Lichts der Gnade bedarf. Er ist in der Dunkelheit (seiner Sünden) gefangen. Anders die Pharisäer: Sie, die „Gerechten“, Gesetzeskundigen, die über andere richten, halten sich für sehend, für stark, sie bedürfen keines Lichts. Daher sagt Jesus wohl zu ihnen: „Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.“

  5. Danke für diesen Blog!!!!!
    Ich bin 22 und in einer christlichen Familie groß geworden und habe mich früh bekehrt, aber Christsein hatte für mich immer einen bitteren Beigeschmack. Jesus macht frei und wir leben ohne Sünde war immer der Grundtenor. Aber ich hatte immer das Gefühl ich müsste den Heiligen Geist in mir „erziehen“, dass er das richtige tut. Und diese Gesetzlichkeit in vermeintlicher Freiheit hat mir die letzten Jahre sehr viel Verzweiflung gebracht. der Befehl: „Bleib Jungfrau bis zur Ehe!“ hat dafür gesorgt, dass ich mit mehreren Männern schlief, obwohl ich Christ war. „Lüg nicht!“ Hat dafür gesorgt, dass ich sehr viel schlimmer gelogen habe als Pinocchio (neurotische Lügnerin) und dadurch viele Menschen verletzt habe, obwohl ich Christ war. „Du darfst nicht klauen!“ Hat dafür gesorgt, dass ich meine Eltern über die Jahre um einige Hundert Euros erleichtert habe, obwohl ich Christ war.
    Ich hatte ständig Angst meine Rettung zu verlieren, weil ich nie das war, was ich eigentlich sein sollte. Aber seit Vorgestern (durch eure Artikel und Gebet) weiß ich, was Gnade ist. Dass Gnade alles tut und ich nichts dazu beitragen kann und auch nicht versuchen soll etwas dazu zu tun, dass ich berufen bin zu Freiheit und nie wieder mich beweisen muss. In diese Gnade zu fallen ist das größte was mir je passieren konnte. Und ich kann diesen Glauben nicht verlieren, weil ich nichts tat um ihn zu gewinnen und nichts tue um ihn zu behalten. Ich darf mich sicher fühlen in seiner Hand und sollte ich je versuchen wieder gesetzlich zu sein, weiß ich den Weg in die gnädige Hand zurück und diesen Weg werde ich immer wieder freudig nehmen, denn wo könnte ich so eine Freiheit wie in Jesus finden?!

  6. Alle Christen sind Nachfolger Jesu !
    Judas: Jesu „Meister-Jünger“ der konsequenten Gnade und des Friedens ?
    (Hab mal zum Spass diese alte Theorie zsgefasst, vielleicht was Interessantes zum Durchlesen? Löschen o.k., passt eh nicht richtig hierher!)

    Laut den Propheten sollte doch Jesus, der Messias, als „prince of peace“ (Jes 9) im Geist des Friedens kommen: „Schwerter sollten zu Pflugscharen werden, aus Kriegern mit Lanzen Arbeiter im Weinberg mit friedlichen Winzer-messern “… (Mi 4, Jes 2 u.a.). Der Prophet Sacharja z.B. prophezeite, dass der Messias Jerusalem im Frieden auf einem lächerlichen Esel gewinnen werde – zum Zeichen, dass Friedlichkeit und Demut vor Gott siegreich sind (Sach 9,9). Und genau hier beginnt wohl eine zentrale Problematik im Leben Jesu: Die Pharisäer u. Schriftgelehrten versuchten zu beweisen, dass Jesus keine Demut vor dem Gesetz, dem Wort Gottes, zeige und dass er und seine Anhänger im Prinzip aufständische, gewaltbereite Vagabunden seien. „Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern…“, sagte Jesus, der wohl durchschaute, dass sie ihn am liebsten wie eine Art Räuberhauptmann in einem begrenzten, blutigen Kampf verhaftet hätten – als Beweis, dass er als gewalttätiger Bandenführer niemals der prophezeite spirituelle Friedensbringer sein könne. Doch Jesus hatte sich immer wieder in seiner Mission (mehr als 10 x) auf den prophetischen Geist berufen, wie er besonders in Jes. 53 und Ps 22 deutlich wird. In stark vereinfachten Grundzügen: Das „friedliche, sündenfreie Lamm Gottes“ wird „überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet, misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten“ (Lk 22,37). Er aber – als im Buchstaben verurteilter Verbrecher – werde alles stumm ertragen und auferstehen, der „Plan des Herrn“ werde gelingen und „alle Völker werden sich bekehren zum Herrn“ usw. Denn durch den Buchstaben des Gesetzes wird das sündenfreie Opferlamm in seinem heiligen, friedlichen Geist zu Unrecht den Feinden überliefert, getötet und bereitet so den Weg für eine neue höhere Gerechtigkeit: die Gerechtigkeit aus Gnaden-Glauben an den einen Schöpfergott, an das Gnadengeschenk der Auferstehung für die Sünder. In der merkwürdigen Sprache des Paulus, sinngemäß: „Die Anhänger Jesu sterben mit Jesus am Kreuz und sterben so durch das Gesetz verurteilt dem Gesetz und seinem Buchstaben. Im Buchstaben verurteilt leben sie dann als Sünder rein aus dem himmlisch heiligen Geist der Gnade der Auferste-hung…“ (Gal 2 u.a.) usw.

    Doch Jesu Jünger, allen voran der charismatische Petrus, verstanden als buchstabentreue Juden den Geist dieses Denkens nur sehr schwer. Sie konnten sich den Messias eigentlich nur als eine Art irdischen König, genauen Gesetzgeber und triumphalen Sieger vorstellen, nicht als einen verlachten, vor aller Welt erniedrigten, verratenen Versager und Verlierer. Sie fragten sich sogleich, wer im Königreich Gottes als ehervollerer, treuester Kämpfer den höheren, glanzvolleren Posten bekommen werde usw. Und als Jesus davon sprach, dass ihn die weltlichen Autoritäten ablehnen werden, er leiden und verspottet sterben werde, nahm Petrus daran Anstoß, tadelte ihn öffentlich und sagte: „Das darf nicht geschehen !“ Doch Jesus hielt all dieses irdische, machtorientierte Denken für das primitive Denken „Satans“ (Mat 18, Mk 18). Sein Reich Gottes sei nicht von dieser Welt, denn es sei ein Reich des Friedens, in dem Könige und Fürsten als Sklaven dienen – ein Reich, das nicht durch das Schwert, irdisches Machtdenken usw. erreicht werden könne: „Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen“ usw. Damit befand sich Jesus aber in einem verborgenen Widerspruch mit vielen, seiner ihn noch nicht richtig verstehenden Anhänger, die bereit gewesen wären, Jesus mit Gewalt wie einen irdischen König und Eroberer zu verteidigen. Ein Grund, warum die Pharisäer u. Schriftgelehrten zögerten, gegen Jesus direkt am hellichten Tag vorzugehen: Sie hatten Angst vor einem großen, blutigen Volksaufstand und Machtverlust durch die Einsetzung eines neuen Königs (z.B. Mk 14, Lk 26).

    Hieraus ergibt sich nun folgende spirituelle Frage: Wie erfüllte Jesus seine friedliche Mission ? Wie gelangte er ohne Bluvergießen und Kampf als „friedliches Opferlamm“ in die Hand seiner Feinde? Wie wurde das Lamm Gottes friedlich „in die Sünderhände übergeben“ ? Selbst konnte Jesus sich doch nicht stellen, das hätte ihn in den Augen aller unglaubwürdig gemacht !? Die Antwort darauf ist: Eigentlich durch Judas ! Er war es, der die Soldaten im Verborgenen der Nacht, so daß keine vermeintlich aufständischen Jerusalemer es sahen, zum Versteck Jesu und seiner engsten Getreuen führte, ihn identifizierte, so daß dieser ohne Blutvergießen festgenommen werden konnte. Durch Judas wurde das Lamm schweigend, im Verborgenen zum Schlachter geführt und es kam zu keinem bewaffneten Konflikt. Allein Petrus kämpfte mit dem Schwert, aber Jesus gebot ihm Einhalt, heilte den Verwundeten und stellte sich kampflos, um seine Friedensmission zu vollenden.

    Hier beginnt nun die Leidensgeschichte der Kreuzigung, der irdischen Niederlage Jesu – der Grund warum die meisten seiner Jünger, allen voran Petrus, dann Anstoß an Jesus nahmen und ihn als Messias verleugneten. Aber Jesus sagte beim Abendmahl, als Judas den Raum verließ, um ihn zu „übergeben“: „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht“ (Joh 12). Jesus sah es offenbar genau umgekeht: Mit dem irdischen Verrat durch Judas, seinem Leiden, seiner irdischen Niederlage, beginnt sein himmlischer Sieg: die Verherrlichung Gottes ! Und so wird merkwürdiger Weise im Plan Gottes der offensichtliche, von allen Christen später verachtete Verräter, den Jesus beim Abendmahl noch betrauerte („Wehe, es wäre besser, wenn er nie geboren wäre“) zum eigentlichen Initiator des Heilsgeschehens. Dieser merkwürdige Umstand – Judas, der „Überlieferer Jesu an seine Feinde“, als Intiator des eigentlichen Heilsgeschehens – führte dazu, dass man sich immer wieder die Frage stellte, ob nicht Judas der eigentliche „Meisterjünger“ Jesu war. Vielleicht verstand er seinen „Rabbi“ Jesus und dessen Schriftauslegung, vom „Leiden und Sterben des Gottesknechtes“ tiefer als die anderen Jünger ? Hatte Jesus beim Abschied nicht ge-sagt, dass er als „Freund“ zu „Freunden“ alle Geheimnisse des Vaters im persönlichen Gespräch zu vermitteln versucht habe (Joh 15). Vielleicht hatte Judas ihn in diesen Gesprächen als seinen Rabbi und Freund tiefer verstanden als die anderen ?! Vielleicht waren Jesu Worte an Judas beim Abendmahl „Was du tust, das tue bald !“ nur eine geheime Aufforderung an den Freund und Bruder noch in der Finsternis, im Schutz der Nacht, die friedliche „Überlieferung“ an die Feinde einzuleiten ? usw.
    Jedenfalls begrüßt Judas, der eifrige Jude, bei der „Überlieferung“ im Garten Jesu ehrenvoll weiterhin als seinen Rabbi, also als seinen Lehrmeister in der jüdischen Schrift und küsst ihn „zärtlich“ im Friedens/Bruderkuss. Und Jesus widerspricht nicht und wehrt sich nicht dagegen: „Freund, dazu bist du gekommen !“ Und dann übergibt ihn sein „Freund“ den Soldaten…
    Vielleicht ist also Judas, als „Meisterjünger“ Jesu und für diesen in den Tod gegangen, wohl wissend, dass die Welt ihn auf ewig verurteilen würde !? Vielleicht suchte er aber gerade als „Meisterjünger“ Ehre nur bei Gott und nicht bei den Menschen !? Keiner kann diese Fragen mit letzter Sicherheit beantworten ! Ungeklärt und merkwürdig bleibt auch: Judas hielt „nach der Übergabe“ laut den Evangelien vor dem Sanhedrin „Jesu Blut für unschuldig“, ehe er sich erhängte. Also: Er hielt Jesus für den Messias – und zwar noch vor dessen Auferstehung Ganz anders, als die Anstoß nehmenden, zweifelnden Jünger !

      • Keine Ahnung ! Ich behandle die ganze Judas-Geschichte nach dem Motto „Schöner Glauben !“ Warum sollte Judas eben nicht der beste Freund Jesu gewesen sein und im Geheimen geholfen haben, dessen Friedenswerk schnell zu vollenden. Und wer will schon auf Erden mit der Anschuldigung der Verräter Gottes, des einzig Auferstanden, zu sein, leben ? Da ist doch eine Flucht in die Seligkeit besser ?

        Das einzige, was ich mir mal dazu noch überlegt hab, war ungefähr Folgendes – sehr spekulativ:

        Dem uneindeutigen Buchstaben nach wird die Frage nach der Rolle des Judas im NT wohl nie eindeutig zu klären sein. Wenn man aber nach dem besonderen Geist des Judentums fragt, dann erscheint jede Beteiligung an Gottes Heilsplan für die Welt – so verrückt sie auch scheinen mag – als vor Gott ehrenvolle Aufgabe. Wenn also Johannes der Täufer, Jesaja und Jesus selbst vom Messias als dem von Gott erwählten „Opferlamm“ sprechen, das nach der Schrift geopfert werden muss, um mit seinem heiligen, friedlich-überirdischen Geist, seinem „sündlosen Blut“ die Welt zu erlösen , dann vollführt doch Judas, der nach eigenen Worten das „sündlose Blut“ ! (Mat 27) Jesu den Richtern, Henkern, Feinden zum Opfer überbrachte, eine im Prinzip sehr ehrenvolle Rolle im Heilsplan !? Dazu sagt Jesus in den Evangelien gleichlautend, in etwa: „Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre…“ Das kann man auch in die Richtung verstehen: Die jüdische Schrift muss von jemand erfüllt werden, der Menschensohn muss übergeben werden, auch wenn dem jüdischen Überlieferer ewige Verurteilung der Mehrzahl der Menschen, die die jüdische Schrift, ihre Bildsprache, niemals wie ein Rabbi verstehen kann, sicher ist. Und darauf fragt Judas: „Bin ich es etwa, Rabbi ! Und Jesus antwortet: „Du sagst es !“ Dies war vielleicht sogar in Augen Jesu eine Erwählung: Er wählte den würdigsten Schriftkenner unter seinen Jüngern aus, um die alten Prophezeiungen und seine Worte zu erfüllen…?!
        M.E. darf man nicht vergessen, dass in dieser Bildsprache, der alte jüdische Opferglaube eine Rolle spielt ! Und hier opfert nicht Gott das Lamm oder das Lamm opfert sich auch nicht selbst (alles in Übertragung auf Jesus gedacht), sondern es bedarf eines würdigen Menschen, der es stellvertretend für sich, seine Familie opfert, dem Henker übergibt, um das Heil zu erlangen.
        Jedenfalls scheint klar: Wenn Judas in konsequenter Übernahme der jüdischen Prophezeiungen und ihrer Bildsprache nach der Deutung Jesu gehandelt und Jesus bewusst geopfert/übergeben hat, dann musste er davon ausgehen, dass nicht einmal Petrus und die engsten Jünger ihm Glauben geschenkt hätten. Er hätte als Verräter Gottes vor den Augen der meisten leben müssen. Jesus hätte nach der Auferstehung noch einmal auf die Erde kommen müssen, um wieder von neuem noch einmal alles zu erklären und Judas so zu rechtfertigen. (Ganz zu schweigen davon, dass die jüdische Bildsprache, die dem ganzen Geschehen zugrunde liegt, niemals den Heiden sofort irgendwie verständlich gewesen wäre…)

    • Selbst Judas als Jünger und Nachfolger Jesu ?!
      Hab noch mal genauer darüber nachgedacht und nachgelesen ! (ist ein interessantes Dedektivspiel ! löschen o.k., ist eigentlich nur für mich geschrieben)

      Etwas Merkwürdiges: Wenn man den Evangelien des Markus und des Matthäus folgt, dann verkündigt Jesus seinen „Auslieferer“ Judas noch vor dem Bundesschluss zur Vergebung der Sünden. Das heißt dann doch aber: Er schließt den Bund der „Vergebung der Sünden“ dann auch mit Judas, dem „Überbringer“, der später doch auch noch mit ihm am Tisch sitzt !? Er schließt ihn also nicht davon aus !? Ähnlich, aber nicht so eindeutig, auch das Johannes-evangelium: Jesus wäscht auch Judas die Füße ! Bleibt Jesus also auch noch weiterhin der himmlische Diener des irdischen, sündigen „Auslieferers“ Judas ?! usw. Dies würde alles dafür sprechen, dass Jesus Judas überhaupt nicht als seinen spirituellen Gegner sah !

      Hier noch etwas Abgespacetes, Verrücktes, was ich nur schwer in Worte fassen kann: M.E. stellt sich bei der Judas-Geschichte insgesamt die spirituelle Frage, ob nicht eine gewollte Uneindeutigkeit der Wortbedeutung „sündloser Überbringer/Auslieferer“ (eigentlich die geläufige Übersetzung) bzw. „sündiger Auslieferer/Verräter“ vorliegt. Eben ganz ähnlich wie bei der echten Opferung eines Lamms, die immer auch uneindeutig, etwas zwielichtig ist. Derjenige, der das Lamm opfert, um dessen Reinheit/Sündlosigkeit zu erlangen, begeht auch immer eine Unreinheit, eine Sünde, indem er ein unschuldiges Wesen dem Tod übergibt. So gesehen ist jeder, der Jesu Opfertod für sich in Anspruch nimmt, eine zwielichtige, sündige Judas-Gestalt: Er benötigt die himmlische Reinheit Jesu, seines himmlischen Bruders und bejaht dann aber auch als Sünder dessen Tod, ist so sein irdischer, fleischlicher Verräter. Etwas, was irgenwie „Da-Vinci-Code“ mäßig an das Abendmal Jesu in Mailand erinnert. Leonardo malte hier die Bestürzung der Jünger, dass der himmlische Mensch Jesus übergeben, verraten, werden wird/muss – aber das Ganze offensichtlich aus der Perspektive des ruhig, gelassen, die Szenerie von außen betrachtenden Judas, des menschlichen, fleischlichen „Verräters“ an der Heiligkeit Jesu…

  7. Weitere Überlegungen zu Judas als hoffender Jünger, Nachfolger Jesu:
    Judas-Handlung als Zeichen, Judas und Satan, Judas und die Heilsgeschichte…

    (hab ich mal für mich zsgeschrieben, vielleicht für euch was interessant, löschen no pro! Nicht jeder ist Judas-Freak! )

    Was oft übersehen wird: Die Evangelien zeigen Jesus als jemand, der mit überirdischer Macht alle Episoden seines Lebens zeichenhaft gestaltet und diesen so eine übergeordnete, spirituelle Bedeutung verleiht. Alle Heilungen, Wunder, Begegnungen Jesu vermitteln seine Lehre, seinen Glauben und sollen Gottes Heilsplan verdeutlichen: Gott, der heilige Geist, gestalten die Szenerie, das Geschehen. Wenn Jesus z.B. den mörderisch Besessenen in Gerasa wie gezielt ansteuert und heilt, dann zeigt er, dass sein „mitleidender“, einzig hoher Gott auch der höchste Gott der heidni-schen Völker ist. Wenn Jesus überirdisch über das Wasser geht, performed er keinen coolen Surf-Act, sondern verdeutlicht: Wer den himmlischen Bruder im Glauben vertrauend in sein Boot holt, ist sogleich überirdisch sicher am rettenden Ufer usw. Gleiches – also zeichenhaftes, göttlich geprägtes Geschehen gilt wohl auch für die Verhaftung, Verurteilung und Tod Jesu: Z.B. versuchte man Jesus mehrere Male zu steinigen und zu verhaften, aber er konnte immer wundersam selbst entscheiden, ob „seine Stunde“ gekommen war, denn offenbar konnte niemand „Hand an ihn legen“, ohne, dass er/Gott es erlaubte. Erst im Garten Gethsemani stellt er dann fest: „Mein Stunde ist gekommen“ und wird dann festgenommen. Doch auch hier mit einer Einschränkung ! Die Soldaten können ihn zuerst nicht berühren, eine überirdische Macht lässt sie zu Boden fallen. Erst, nachdem Jesus sicher ist, dass man nur ihn abholen wird und nicht weiter mit den Jüngern und Anhängern kämpfen will, kann man sich ihm nähern. Man hat fast den Eindruck, dass Jesus bestimmt, wie, wann und wo er verhaftet wird. (Joh 18) Ein ähnlicher Eindruck, wie z.B. bei seinem Tod ! Er bestimmt selbst, aktiv, den Zeitpunkt zeichenhaft: „Es ist vollbracht ! Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist !“ usw.
    Und hier stellt sich nun die Frage: Warum sollte das Geschehen rund um die Überlieferung des Judas nicht auch zeichenhaft vom heiligen Geist gesteuert sein ? Könnte Judas ähnlich, wie später dann Maria Magdalena, Jesus wirklich als seinen Rabbi benennen, wenn Gott, der heilige Geist, nicht zugestimmt hätte ?! Hätte Judas wirklich gegen den heiligen Geist Jesus im Bruder/Friedenskuss umarmen, berühren können ? Wenn man z.B. zurückdenkt an die Episode im Haus von Simon dem Pharisäer (Lk 7): Hier zeigt es sich sehr deutlich, dass Jesus sehr genau berücksichtigt, wer ihn berührt und umarmt und wer nicht. Er bezeichnet die Küsse der Sünderin (M. Magdalena) als ehrlich und von Herzen und gebraucht dabei das gleiche Verb, das auch beim Judaskuss gebraucht wird. Ebenso gebraucht das Evangelium dieses Verb für den mitleidigen Kuss des Vaters für den verlorenen Sohn. Dieser geistige Zusammenhang würde also durchaus dafür sprechen, dass der Judaskuss kein oberflächlicher Verräterkuss war…?!

    Was auch oft nicht berücksichtigt wird, wenn man von Judas nach den Evangelien als unter Einfluss „Satans“ (Joh 13, Lk 22) Handelnden spricht – es ist die Frage: „Was beudetet „Satan“ eigentlich in der Bibel ? Ist Satan hier vor allem ein dunkler Verräter, ein finsterer Mörder, Vernichter ?“ usw. Dazu ist wohl zu sagen, dass Satan in der Bibel/Evangelien spirituell vor allem als irdischer Gegner, Zweifler und Ankläger einer höheren, geistig-göttlichen Natur des Menschen angesehen wird. Satan versucht den Menschen auf sein irdisches Denken festzulegen, ihn irdisch zu verführen, seinen himmlischen Glauben auf die Probe zu stellen und ihn so vor Gott als im Glauben unwürdig, min-derwertig zu verklagen. Satan ist der „Verkläger unserer Brüder und Schwestern“, der „sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott“ (Off 12) – also derjenige, der ihren rettenden himmlischen Glauben anzweifelt. Und so tritt er auch im NT Jesus gegenüber: Satan versucht z.B. Jesus durch irdische Macht, irdisches Königtum, Erfolg und Reichtum in seinem Glauben zu kaufen – ihn so vor Gott als irdisch unwürdig im Glauben anzuklagen – aber Jesus besteht die Proben und beweist seinen Glauben: „Weg mit dir, Satan !“ Mit den gleichen Worten verweist Jesus dann auch Petrus, der sich nicht vorstellen kann, dass Jesus nicht irdisch erfolgreich, kein irdischer König, sein will, in seine Schranken: Das Reich, das er anstrebt ist kein irdisches, seine irdische Verurteilung und sein Tod sind notwendig (Mat 8) – sein Glaube ist nicht im Irdischen verwurzelt, sondern in der himmlischen Gnade Gottes, der geschenkten Auferstehung. Wenn man nun diesen zentralen Bedeutungshintergrund – Satan als Ankläger vor Gott, der den himmlischen Glauben anzweifelt und auf die Probe stellt – der „Überlieferung Jesu“ durch Judas zugrunde legt, dann erscheinen die beiden Stellen (Joh 13, Lk 22), in denen das Handeln Judas als von „Satan beeinflusst“ dargestellt wird, wesentlich harmloser: Gott lässt zu, dass der himmlische Glaube Jesu auf die Probe gestellt, angezweifelt, wird. Judas – der vermeintliche Feind Jesu – tötet Jesus nicht, was ihm eigentlich ein Leichtes gewesen wäre. Sondern er nimmt Jesus beim Wort, folgt dessen prophetischen Verkündigungen vom Gotteslamm und stellt so den überirdischen Glauben Jesu auf die irdische Probe: Werden sich die Prophezeiungen Jesu von Leiden, Sündererlösung und Auferstehung als wahr erweisen ? Und hier handelt Judas nicht einmal gegen den Willen Jesu, denn dieser ist bereit, den Kelch des Vaters zu trinken, seinen Glauben im Leiden, Tod und Auferstehung als gültig zu beweisen usw.

    Wenig bedacht wird auch ein verborgener Gegensatz – plakativ verkürzt zusammengefasst: moderner logisch-philosophischer Gesetzesglaube vs alter irrationaler Erlösungsglaube. Damit ist gemeint, dass wir in der abendländischen wissenschaftlichen Kultur die Tendenz haben, den Glauben an abstrakten, philosophischen Gesetzen und Lehren auszurichten. Wohingegen der Glaube des alten Israel und auch der Glaube Jesu aus moderner philosophisch-theologischer Sicht wesentlich irrationaler, „islamischer“ anmutet, nämlich als ein Glaube, der von besonderen poetisch-prophetischen Bildern ausgeht, als ein Glaube, der eine irrationale, alle Gesetze der Welt übersteigende Größe der Gnade Gottes betont und die Ergebenheit in den unergründlichen Willen Gottes, seine Gnade als entscheidend hervorhebt. Dies bedeutet auf die Judas-Gestalt übertragen: Nach modernen, abstrakt-philosophischen, moralischen Gesetzen betrachtet ist sein Handeln immer verwerflich, aber aus der Sicht des poetisch-prophetischen Glaubens des alten Israel, ist sein Handeln immer auch eine Ergebenheit in den menschlich unergründlichen Heils-Willen, Heils-Plan Gottes, den Jesus ihm ja vorher in prophetischen Bildern der Gnade verkündet hatte: Das „Lamm Gottes“ muss geopfert werden, um den Geist der Rache mit seinem reinen Blut zu sühnen, um die Welt durch den wahren, reinen, den Tod übersteigenden Glauben zu erlösen ! Und so wusste Judas, ganz gleich, wie stark er auf Jesus als Messias, Erlöser hoffte, dass er mit der Opferung/Überlieferung dieses Propheten, dessen Heils-Glauben miterfüllte – einen irrationalen Heilsglauben, der schon bei Abraham zu finden war, der ja bereit war, seinen Sohn in fester Ergebenheit in den unergründlichen Heilswillen Gottes, der den Tod überwindet, zu opfern. Und so bleibt Judas nach den abstrakten Moralgesetzen der abendländischen Philosophie und Theologie der verwerfliche Sünder. Aber aus der Sicht einer besonderen jüdisch-christlichen Heilsgeschichte, des Glaubens an eine notwendige Erlösung, Entsühnung der Welt, vollführt er ein heiliges, entsühnendes Handeln – ein Handeln, dass ihn wohl auch selbst entsühnte, egal wie gering, wie stark, wie fest seine Hoffnung, sein Glaube an Jesu Heilsplan, an Jesus als das wahre Lamm Gottes war. (Denn Judas tötete Jesus nicht, was ihm, wenn er ein echter Feind Jesu, des Heilsplans Gottes, gewesen wäre, ein Leichtes gewesen wäre, sondern übergab Jesus nur den Richtern, ganz, um wie ein unsicherer, hoffender Mensch zu sehen, um zu prüfen, ob dessen Prophezeiungen, dessen Glaube vor Gott richtig sind usw.)

  8. Grundsätzlich stimme ich dem Artikel zu, dass die wahre Veränderung und das „Frucht bringen“ ein tiefes Werk vom Heiligen Geist ist.
    Aber trotzdem habe ich folgende Gedanken/Fragen dazu:
    1) Wenn alles vom Heiligen Geist kommt, wieso hat sich Gott so viel Mühe gemacht all diese Aufforderung in der Bibel zu dokumentieren: „Seid freundlich, seid dankbar, dient einander, etc…“. Ein Stück weit ist es doch auch einfach eine „Entscheidung“ z.B. freundlich zu sein?
    Wieso hat Gott all diese Dinge dokumentiert, wenn wir es ja nicht aus eigener Kraft versuchen sollen?

    2) Ich stimme nach wie vor dem Artikel soweit zu aber gibt es auch Beispiele dafür? So sehr ich mir wünsche, dass das die Wahrheit und der richtige Weg ist, muss ich dennoch gestehen dass wenn ich mich in der „christlichen Welt“ umschaue, meistens die Leute sind, die „on fire“ sind, Dinge erleben, Einfluss haben, geistliche Frucht vorweisen können, die diese Nachfolge „radikal“ leben und sich bewusst dafür entscheiden.
    Das jemand einfach nur in der Gnade chillt und auf Veränderung „wartet“, und durch ihn dann 1000ne Leute zum Glauben kommen oder er große Erlebnise haben, sehe ich selten.

    Also wenn dieser Artikel die Wahrheit ist,
    dann muss man doch auch nach paar Jahren reflektieren und sagen: Was hat der Geist Gottes nun in meinem Leben so bewirkt? Und was ist wenn dabei kaum was rauskommt?

    • Zu 1) DASS wir diese Dinge selbst wollen, ist ein Zeichen für unsere Veränderung. Werden wir also aufgefordert, dies und jenes zu tun, dann werden wir einfach daran erinnert, was wir sowieso wollen
      Zu 2) Die meisten von uns bringen einfach ganz „normal“ Frucht, ohne viele Bekehrte in ihrem Umfeld, ohne beeindruckende geistliche Frucht. Aber wir kennen uns doch selbst und wissen nach ein paar Jahren meist schon, was sich verändert hat. Und wenn es „nur“ der geistliche Erfolgsdruck ist, der verschwunden ist …

  9. Selbst Judas als Jünger der Gnade Jesu ?!
    Das Abendmahl-Judas-Jünger-Mysterium in der Kunst – jenseits von da Vinci
    (bin in letzter Zeit einige Bilder – zugegeben sehr spekulativ – durchgegangen, vielleicht interessant, löschen no pro ?!)

    Künstler malten oft das Abendmahl Jesu und damit das Mysterium, dass Judas, der „Überlieferer“, auch an diesem Mahl zur Sündenvergebung teilnahm und vom Brot des Lebens aß. Ein Mysterium, das eigentlich die spekulative Frage beinhaltet: Gab Jesus damit nicht ein Gnaden-Zeichen, dass die Überlieferung, der Verrat von ihm selbst gewollt und von vornherein spirituell im Heilsplan Gottes vergeben war ?!
    Auf diese Frage spielt wohl auch ein berühmtes Abendmahl-Bild von del Sarto (Florenz, San Salvi) an. Del Sarto malte offensichtilich den Moment in Joh 13 als Jesus Judas das Brot des Abendmahls – also das Brot der Sündenvergebung ! – reicht und diesen damit als Verräter/Überbringer kennzeichnet: Judas erscheint ganz erstaunt, dass er es ist (vgl. Mat 26,25). Gleichzeitig legt Jesus beschwichtigend seine Hand auf die Hand des Johannes, der nach Joh 13 ja als einziger in diesem Moment wusste, dass Judas der Verräter/Überbringer ist. Wohl um zu sagen: „Lauf ihm nicht nach ! Versuch nicht, ihn zu stoppen ! Es ist mein Wille, dass ich überliefert werde…?!“ Ähnlich „mysteriös“ malte auch der Florentiner Ghirlandaio diese Szene (z.B. San Marco, Florenz): Judas nimmt – eigentlich in andächtiger Pose !? – von dem Gnaden-Brot Jesu, dass ihn heimlich als Überlieferer/Verräter kennzeichnet und Jesus macht in diesem Moment ein Segens-Zeichen in seine Richtung, wobei der grimmige Petrus auf der anderen Seite mit dem Messer in der Hand zu fragen scheint: „Wer ist der Verräter, damit ich ihn erstechen kann ?“ Aber Jesus und der Lieblingsjünger scheinen überhaupt nicht bestürzt über den prophezeiten Verrat/die Überlieferung !? Daraus kann man deuten: Die Künstler malten bewusst diese Szene so, dass der Betrachter des Bildes ins Nachdenken kommt: „War Judas wirklich der verfluchte Feind Jesu, oder nur ein williges, erwähltes Werkzeug in Gottes Heilsplan ?“ Zum Nachdenken über diese Frage scheint auch Tintorettos mysteriöses „Letztes Abendmahl“ (Venedig, San Polo) gemalt: Am rechten Rand des Bildes steht ein Mann in tiefem Nachdenken über die Abendmahlszene versunken. Ein in heiligem Licht verklärter Jesus reicht beim letzten Abendmahl vom Brot des Lebens und der Sündenvergebung seinen Jüngern. Schwungvoll scheint er sie aufzufordern: Gebt als meine Erwählten von diesem Brot sogleich auch an die Bedürftigen weiter ! Und in der Tat, einige Jünger wenden sich sofort um, um Kindern und einem lahmen, leprös-pestartig kranken Mann vom Brot des Lebens zu schenken. Dies erfolgt wohl alles in Erinnerung an die Worte Jesu: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben ! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein…“ (z.B. Mat 10). Doch, wenn man genauer auf den erwählten, vom himmlischen Glanz Jesu erleuchteten Jünger, der in der Bildmitte mit nackten, frisch gewaschenen Füssen sitzt und das Brot treu weitergibt, blickt, ist man verwundert: Es ist Judas, der die Börse mit den Silberlingen umhängen hat ! Offensichtlich malte Tintoretto Judas als treuen Jünger Jesu, der das Brot, das er von Jesus beim Letzten Abendmahl empfangen hat, segenspendend, im seligen Licht Gottes, an Arme verschenken darf !? Als einen Jünger, der Jesu Willen treu erfüllt ?!

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