Kreuztragen ist aus der Mode gekommen. Alle wollen sich wohlfühlen. Denn Kreuztragen klingt unangenehm.

Bei näherer Betrachtung stellt sich aber heraus, daß die verbleibenden Verkünder des Kreuztragens gar nicht so genau wissen, wovon sie eigentlich reden. Und damit ist fraglich, ob Kreuztragen (trotz des sprachlichen Anklangs an Golgatha) überhaupt unangenehm ist.

Alle Stellen über das Kreuztragen stehen in Kontexten, die offensichtlich begründen sollen, was denn mit Kreuz-Tragen gemeint ist. Ein Beispiel ist Lukas 14:

Lukas 14,25 Es gingen aber große Volksmengen mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: 26 Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben / seine eigene Seele, so kann er nicht mein Jünger sein; 27 und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein. 28 Denn wer unter euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht vorher hin und berechnet die Kosten, ob er das Nötige zur Ausführung habe? 29 Damit nicht etwa, wenn er den Grund gelegt hat und nicht vollenden kann, alle, die es sehen, anfangen, ihn zu verspotten, 30 und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und konnte nicht vollenden. 31 Oder welcher König, der auszieht, um sich mit einem anderen König in Krieg einzulassen, setzt sich nicht vorher hin und ratschlagt, ob er imstande sei, dem mit zehntausend entgegenzutreten, der gegen ihn mit zwanzigtausend anrückt? 32 Wenn aber nicht, so sendet er, während er noch fern ist, eine Gesandtschaft und bittet um die Friedensbedingungen. 33 So kann nun keiner von euch, der nicht allem entsagt, was er hat, mein Jünger sein. 34 Das Salz nun ist gut. Wenn aber auch das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gewürzt werden? 35 Es ist weder für das Land noch für den Dünger tauglich; man wirft es hinaus. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Hier haben wir fast alle Zutaten für den üblichen christlichen Leidenscocktail zusammen

  • sein eigenes Leben hassen (Vers 26)
  • sein Kreuz tragen (Vers 27)
  • allem entsagen, was er hat (Vers 33)

Fehlt eigentlich nur noch die Selbstverleugung.

Bloß: was soll das Hausbauen und das Kriegführen in diesem Zusammenhang? Denn das „Denn“ am Anfang von Vers 28 zeigt, daß jetzt eine Begründung folgt für die vorherigen Aussagen. Aber wie oft im Neuen Testament ist der Zusammenhang keineswegs klar – und keiner kann es so präzise erklären, daß es das Thema aus Vers 27 erhellen würde. Und das mit dem Salz  in Vers 34 erst recht nicht.

Aber wir haben ja das, was angeblich klar ist. Aber ist es so klar?

  • das eigene Kreuz ist nicht das von Jesus
  • man hat offensichtlich die Wahl, ob man es tragen will oder nicht

Diese beiden Punkte reichen schon, um eine Menge mystische Kreuz-Tragen-Theologie auszuhebeln. Denn bei den meisten „Kreuzen“, die man mit der klassischen Kreuz-Tragen-Brille in seinem Leben entdecken kann, ist von Freiwilligkeit keine Spur. Sie werden uns aufgezwungen. Und wehe, wir wehren uns gegen sie – denn dann könnten wir nicht mehr im Willen Gottes sein.

Wir haben also auf keinen Fall den Job, Golgatha nachzuahmen. Und wir haben die Wahl, ob wir unser Kreuz (von dem wir noch keine präzise Vorstellung haben, was es denn sei) auf uns nehmen oder nicht.

… bei dem Versuch, unser Kreuz zu definieren, verfallen manche auf den Gedanken, es mit der Kreuzigung des alten Menschen zu kombinieren.

Gal 2,19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt
Gal 5,24 Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.
Röm 6,6 da wir dies erkennen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist

Das Problem dabei ist nur: das ist alles bereits geschehen. Es kann also nichts mit dem täglichen Kreuz-auf-sich-nehmen aus Lukas 9,23 zu tun. Diese Deutung fällt also weg – außer natürlich für die, die ihren alten Menschen für quicklebendig und seine tägliche Kreuzigung für notwendig halten. Dann wäre aber das eigene Kreuz nicht mehr identisch mit dem Kreuz-Tragen des Volksmundes, also mit dem (Er)Tragen unangenehmer Dinge aller Art.

Aber für den, der auf der Suche nach Schmerz ist und Schmerz für etwas hält, daß auf jeden Fall sehr wichtig ist für Gottes Pädagogik, der wird sich mit so pingeligen Definitionen des eigenen Kreuzes nicht aufhalten: Hauptsache, es tut weh! Dann wird der Herr es schon in seinen Dienst stellen! Makaber, aber leider wahr …

Was ist dann aber das eigene Kreuz, wenn es

  • nicht ein tägliches Kreuzigen des alten Menschen ist
  • nicht das Ertragen allerlei unangenehmer und schmerzhafter Dinge im eigenen Leben ist

Offengestanden weiß ich es nicht. Und die anderen wissen es auch nicht, wenn sie ehrlich sind. Aber was hilft eine falsche Deutung, bloß damit man eine Deutung hat? Dann lieber das eigene Unwissen eingestehen.

Es kann natürlich sein, daß Kreuz-Tragen ein anderer Ausdruck für Selbstverleugnung – und die Selbstverleugnung konnten wir schlüssig deuten (wenn auch der klassische „Selbstverleugner“ dabei leer ausging).

Zweimal geht es im Abschnitt in Lukas 14 aber um die Dinge, die die Macht haben, uns zu definieren: unser familiärer Hintergrund (Vers 26) und das was wir haben und können (Vers 33). Hier sagt Jesus: laß mich dich definieren. Ich sage dir, wer du bist. Ich definiere dein OK-Sein und nicht mehr deine Familie und die „Werte“, die man dir dort vermittelt hat. Und weil das um so vieles besser für dich, deswegen ziehe klare Grenzen und verleugne deine alte Prägung.

Wenn wir Jesus nachfolgen, dann nützt es uns nichts, wenn wir mehrere Definitionsquellen mit uns herumschleppen bzw. ihnen gerecht werden wollen. Denn alle anderen Quellen als Jesus werden eben nicht die Art und Weise unterstützen, wie Jesus uns definiert.

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  1. Guten Abend,

    ehrlich mein lieber, als ich das eben gelesen habe mußte ich wirklich herzlichst Lachen!!!

    DAber für den, der auf der Suche nach Schmerz ist und Schmerz für etwas hält, daß auf jeden Fall sehr wichtig ist für Gottes Pädagogik, der wird sich mit so pingeligen Definitionen des eigenen Kreuzes nicht aufhalten: Hauptsache, es tut weh! Dann wird der Herr es schon in seinen Dienst stellen! Makaber, aber leider wahr …

    er Text ist sehr erheiternd im positivem Sinn!

  2. Versuch einer Vereinfachung:
    Wir sind erzogen, allen Worten Jesu überzeitliche, ewige Bedeutungen zuzuschreiben, die uns heute direkt betreffen. Heißt das aber nicht, den 2. Schritt vor den 1. machen? Sprach Jesus nicht zu einer ganz besonderen Zeit und Generation Menschen mit einem konkreten historischen Auftrag? Galt die Zeit nicht als die moralisch schlimmste und verhassteste des Judentums. Er musste davon ausgehen, Unfrieden („das Schwert“) in die jüdischen Familien zu bringen, wenn er sich als Messias ausgab. Viele seiner Jünger mussten damals ihre Arbeit aufgeben, ihre Familen zurücklassen, auf Geld verzichten, weite Strecken mühsam zu Fuß gehen um den neuen Glauben zu etablieren. Ständig mit dem Tod bedroht: man konnte am wirklich Kreuz enden; eine Art Bürgerkrieg um den neuen Glauben. Paulus z.B. sah eine Generation später (Römerb.) den Auftrag Jesus weitgehend erfüllt: Das Evangelium wurde in Rom gepredigt und damit zu allen Völkern der Welt.
    Gleiches gilt z.B. auch für die Gleichnisse; sie waren erst einmal für die damaligen Zuhörer gedacht, z.B.: „Und da die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, verstanden sie, daß er von ihnen redete“ (Mat 21,45)…
    Die Christen sind doch heute nicht mehr die Elitetruppe der ersten Jünger, die als Heilige und Märtyrer in die Geschichte eingehen wollten!?

  3. Zum Kreuztragen in bildlicher Bedeutung…
    (löschen kein Problem, hab für mich selbst zusammengefasst !)

    Ihr kritisiert – m.E. völlig zurecht – eine „mystische Kreuz-Tragen-Theologie“, die einen „Leidenscocktail“ mixt und „Selbstverleugnung“ verherrlicht.

    M.E. liegt hier wieder das alte, bekannte Problem vor: Einzelaussagen werden aus dem übergeordneten Gnaden-Kontext gerissen. Schließlich kommt genau das Gegenteil von dem heraus, was eigentlich die Grundidee war. Und die Grundidee war doch: Mit Jesus kam die reine, heitere, heilige Göttlichkeit vom Himmel, um mit uns gefallenen Menschen unser Leid, unseren Fluch, unser „tägliches Kreuz“ zu teilen – und so das aufgebürdete Kreuz eines jeden Einzelnen etwas zu mildern und Zeichen einer tröstenden ewigen Hoffnung zu geben. Jesu Botschaft für uns, die sich seit dem Sündenfall „in Mühsal Nährenden“, war doch: „Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Mat 6) Er, der direkt über eine „Speise“ aus dem Reich Gottes verfügte, „von der wir nichts wissen“ (Joh 4), speiste jeden, der Hunger hatte, ohne zu fragen woher er kam und was er getan hatte. Und als Petrus im „Schweiße seines Angesichts“ nichts fängt, beschert Jesus ihm als Zeichen des göttlichen Willens zur Gande den größten Fang des Lebens. (Szs. zur Verdeutlichung: „I never meant to cause you any sorrow / I never meant to cause you any pain…“) usw. Und so ist das Kreuz(tragen) Jesu seiner Grundidee nach nicht ein Zeichen, dass der Mensch neues Leiden, neue Lasten, Selbstverleugnung usw. suchen soll, sondern, dass Gott den Fluch, die Strafen, die uns trafen, in Gnade mit uns teilt und letztendlich überwinden wird. In Jesus teilt Gott am Kreuz freiwillig – aus Mitleid – unseren ursündlichen Fluch, unsere irdische Verurteilung und Leiden, denn „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“ (Gal 3)
    Eigentlich unverständlich ist auch die oft vorgetragene theologische Argumentation in Richtung: „Jesus hat durch das Kreuz gezeigt, dass keine irdische Last (Krankheit, Sorge, Leid) dem einfachen Menschen zu viel sein darf. Der Mensch sei durch Jesu Beispiel verpflichtet, alles Leid, das ihn trifft durchzustehen. Selbstmord, Abtreibung, auch Scheidung usw. sind niemals eine Lösung.“ Hier wird unterschlagen: Jesus war kein normaler Durchschnittsmensch, sondern wohl der gottbegnadetste, stärkste Mensch der Weltgeschichte – und selbst er, konnte sein irdisches Leiden – das irdische Leiden überhaupt – kaum durchstehen. Er verzweifelte z.B. in Gethsemane zu Tode, fiel unter der irdischen Last des Kreuzes mehrere Male (Zeichen !), prophezeite noch schlimmere Zeiten, in denen es für Frauen allgemein besser sei unfruchtbar zu sein und keine Kinder in die Welt zu setzen (Lk 23, Wie stand er also zu Abtreibung, Verhütung ?!) und fühlte sich dann durch sein Leid von Gott verlassen usw.
    Ob man so weit gehen muss wie z.B. Goethe, der in seinem Skandalroman „Werther“ u.a. im Prinzip jedem Menschen als in der Fremde leidenden „verlorenem Sohn“ das jederzeitige Recht einräumte, die „Abkürzung zum Vater“ – den Selbstmord – zu wählen, steht auf einem andern Blatt. Jedenfalls hat er nicht ganz Unrecht, wenn er fragt: „Und ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum soll ich großtun und mich stellen, als schmeckte er mir süß?“

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