So ein Christenleben ist nicht einfach – man muß vieles. Der Herr Jesus erwartet das schließlich. Und wenn nicht er, dann wenigstens der Herr Gemeindeleiter. Echt sein darf man auch – aber nicht auf Kosten des „Gute Werke“-Outputs. Also ist das auch irgendwie anstrengend. Ist man im evangelikalen Raum zu Hause, dann bleiben zur Entspannung höchstens mal ne Runde Schwimmen, ein gutes Buch, Filme bis FSK 12, Rotwein (falls Alkohol nicht verpönt ist), vielleicht ne Sauna (bei den liberaleren). Wechselt man in charismatische Zirkel über, dann soll unglaublich viel Entspannung kommen: weil Gott ja unser Papa ist, weil wir jetzt in neuen Sprachen reden, weil der Lobpreis einen in ganz wundervolle Sphären entführt, weil Gebete endlich erhört werden und was es der Versprechen dort noch alles gibt. Aber nach einer Zeit merkt man: wirklich ändern tut sich auch nichts – der Kuchen des Müssens schmeckt weiterhin nicht, nur die Sahne obendrauf ist etwas besser (oder doch nicht?). Und man merkt: Müssen muss man immer noch – anders als bei den Evangelikalen, aber eben doch müssen. Die Evangelikalen müssen wenigstens nicht ständig lächeln – aber vom Charismatiker wird erwartet, dass man sieht, wie glücklich ihn Jesus gemacht hat. Also hat sich eigentlich nichts geändert. Es ist ein Elend! Wer wird sie erlösen?

Nein, keineswegs Jesus und seine bedingungslose Gnade und Liebe, die ohne Müssen auskommt. Vielmehr lautet die Lösung: noch mehr vom Heiligen Geist oder was man dafür hält. Man setzt sich „Salbungen“ aus – und den gesalbten Männern und Frauen Gottes, die sie rüber bringen. Da wird gelacht, gezittert, gefallen, gehüpft, gegrunzt. Videos von esoterischen Versammlungen, wo Ähnliches geschieht, will man nicht Kenntnis nehmen. Man hat ja was „erlebt“, ist kurzzeitig entspannt, aufgelockert. Die Evangelikalen rümpfen natürlich die Nase – und verkennen, dass sie gemeinsam mit den charismatischen Müssern erst den Markt für solche Exzesse geschaffen haben.

Um das ganze in einen großen Kontext zu setzen: natürlich ist der Teufel ein Beschäftigungstherapeut und immer bemüht, Christen von der Gnade Gottes abzulenken. Und das Beschäftigen und Suchen von Salbungen ist nur eines seiner Mittel. Aber es ist schon bedenklich, dass sich hier Christen in großer Zahl einem Bereich aussetzen, vor dem sonst in allen bibellesenden Kreisen gewarnt wird: dem Okkulten.

Und so möchte man ihnen zurufen: habt ihr nichts Besseres zu tun? Und die Antwort lautet leider „Nein“ – denn das mit der Gnade ohne Wenn und Aber ist ihnen auch suspekt. Nichts mehr verdienen können? Keinen Segen mehr erarbeiten dürfen? Kein „ich bin/habe mehr Geistliches als du“? Einfach nur geliebt und angenommen sein? Göttliches Wohlwollen genießen ohne Vorleistung erbringen zu müssen? Nein, das geht wirklich zu weit.

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