Gegen manche Zumutungen einer aufklärerisch-rationalen Bibelkritik seit etwa dem 18.Jahrhundert haben sogenannte Bibeltreue oftmals das Kind mit dem Bade ausgeschüttet – indem sie darauf beharrten und beharren, dass die Bibel „wörtlich“ zu nehmen sei. Das grenzt an die Auffassung des Islam, dessen heiliges Buch – der Koran – sei von Allah diktiert worden.

Der Gott der Alten und Neuen Testamentes hat aber offensichtlich nichts diktiert. Das, was vielmehr passiert, ist durch den Begriff „Inspiration“ weitaus besser beschrieben. Die Eigenarten der biblischen Autoren etwa sind oft genug gut erkennbar. Sie schreiben etwa mit einem bestimmten Stil, für ein bestimmtes Publikum und in jedem Fall als Kinder ihrer Zeit. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass deshalb alle berichteten Fakten falsch sind. Auch bei einem inspirierten Verständnis muss man etwa die Dimension der Wunder nicht streichen. Oder es zeigt sich, dass außerbiblische Quellen historische Schilderungen bestätigen … und auch wenn die beiden Schöpfungsgeschichten vielleicht kein naturwissenschaftlicher Bericht sind, folgt daraus noch lange nicht, dass der Urknall eine korrekte wissenschaftliche Theorie ist (an der auch genug nichtchristliche Wissenschaftler Zweifel anmelden).

Es ergibt sich daraus aber auch die Möglichkeit, dass manche Geschichten nicht historisch zu verstehen sind; oder historisch nicht exakt berichtet werden. Und deshalb auch nicht bis zur letzten Patrone verteidigt werden müssen … gleiches gilt für „Harmonisierungsversuche“, mit denen man scheinbare oder tatsächliche Widersprüche glatt bügeln will. Die gleichen Leute reden dann oft aber von Gnade plus Gesetz – diesen Widerspruch schlucken sie problemlos; dabei ist er viel entscheidender für unser Erlösungsverständnis und unser alltägliches Leben als etwa die Frage, wo sich die Evangelienberichte angeblich oder tatsächlich widersprechen.

Dazu kommt ein weiteres Problem: das Festhalten an irreführenden Übersetzungen oder Fehler in der Textüberlieferung (die sich aber durch „bessere“ Texte korrigieren lassen) oder das Projezieren westlicher Vorstellungen in orientalische Zusammenhänge (Beispiel Strafe im Alten Testament, was auch Folgen für Jesaja 53 „… die STRAFE lag auf ihm“ hat).

Ebenso problematisch ist die Projektion unflexibler Theologien in die biblischen Berichte und Aussagen: nur weil sich Luther nicht getraut hat, alle Konsequenzen zu ziehen, gibt es trotzdem keine Praxis der Baby“taufe“ in der Bibel; unsere heutige dominante Stellung eines Pastors läßt sich auch nicht versöhnen mit „den Ältesten“ im Plural; wer so ziemlich alle in die Hölle schicken will, wird mit einigen biblischen Aussagen und Wortbedeutungen kollidieren; wer eine Botschaft von Reichtum und Wohlstand bei Jesus entdecken will, wird das nur schwer vereinbaren können mit seiner klaren Parteinahme für die Armen und Kranken und Ausgegrenzten; wer auf der Gültigkeit des Gesetzes für Christen besteht, muss so manchen biblischen Befund beiseite schieben; es gibt auch keine billige Gnade im Neuen Testament, so sehr auch Bruder Bonhoeffer eine bewunderswerte Gestalt war; wer im Alten Testament auf die Suche geht nach einer „geheiligten Sexualethik“, wird schnell einige Bibelstellen unter den Tisch fallen lassen müssen; und wer sich gerne einen harten und richtenden Gott konstruiert, der vor allem die Sünde ausmerzen will, muss schon vieles beiseite schieben, um seine Meinung aufrecht zu erhalten … es gäbe noch weit mehr Beispiele.

Im Gegensatz zu dem, was uns ängstliche und aggressive Geschwister glauben machen wollen, können wir enorm davon profitieren, wenn Theologen zeitliche Umstände von biblischen Berichten beleuchten; und wenn sie hinterfragen, ob wir bestimmte griechische oder hebräische Wort wirklich richtig erfasst und übersetzt haben; wenn sie verschiedene Textüberlieferungen zutage fördern und untersuchen und abgleichen usw. Sich hier auf die immer noch vorhandenen Auswüchse liberaler Theologie zu konzentrieren, grenzt an Irreführung, mit der viele Ergebnisse historisch-kritischer Forschung ignoriert werden.

… heute verstehen wir weitaus mehr „unklare“ oder „schwierige“ Stellen als noch die Gläubigen vor 100 oder 500 Jahren (übrigens auch dank geduldiger theologischer Arbeit). Das zeigt deutlich, dass es nicht unser perfektes Bibelverständnis ist, das uns Frieden und Ruhe bringt – sondern unser Verhältnis zu Jesus. Gilt für uns, dass sich Gott vor allem anderen in Jesus zeigt, so sind viele Beunruhigungen durch Bibelstellen passe. Das gilt auch für einiges von dem, was Jesus denen sagte, die zu seiner Zeit unter dem Gesetz gelebt haben.

Und ein Dauerproblem ist natürlich, dass zu viele immer noch alle Teile und Aussagen der Bibel als „gleichwertig“ betrachten wollen. Aber schon die Bibel selbst zeigt uns, dass es klare Rangfolgen in den biblischen Aussagen gibt. Die Lehre für die Christen finden wir vor allem in den neutestamentlichen Briefen – und nicht so sehr in den Evangelien. Dort müssen wir vielmehr aussortieren: was sagt Jesus in Richtung auf die Gemeinde, auf die Zeit nach Ostern und Pfingsten und was betrifft die, die unter Gesetz leben? Und noch heute haben seine Aussagen die Kraft, Menschen zu überführen, die unter dem Gesetz leben wollen (etwa seine Forderung, 7 mal 70 mal zu vergeben – die klar zeigt: Vergebung ist keine Frage des Willens) … auch die Gesetzspassagen ab dem zweiten Buch Mose  haben nicht die selbe Bedeutung wie Jesus, in dem sich das Wesen Gottes eindeutig und klar zeigt. Wer hier zu harmonisieren versucht, kommt schnell in Teufels Küche. Und die Wörtlich-Nehmer übersehen auch gerne, dass vom Gesetz gesagt wird, dass es durch Engel oder Boten vermittelt wurde.

 

Advertisements

Eine Antwort »

  1. Die Bibel: ein Buch mit 7 Siegeln!?

    Ihr schreibt, u.a.:
    “Das zeigt deutlich, dass es nicht unser perfektes Bibelverständnis ist, das uns Frieden und Ruhe bringt – sondern unser Verhältnis zu Jesus. Gilt für uns, dass sich Gott vor allem anderen in Jesus zeigt, so sind viele Beunruhigungen durch Bibelstellen passe.”
    Genau – das kann nur der einzige Weg sein! (um den Unklarheiten zu entgehen)

    Vielleicht kan man euren Artikel noch etwas radikaler deuten !?

    Wenn man Jesus genau zuhört, dann verspricht er nicht den perfekten Buchstaben des Evangeliums, sondern vielmehr seinen GEIST, den Geist der frohen Botschaft. Dies hat eine unglaubliche gedankliche Konsequenz: Man könnte sogar soweit gehen und Teile der Bibel als im BUCHSTABEN widersprüchlich, sogar falsch/gefälscht ansehen und das – ohne Jesus damit zu widersprechen. Denn, was Jesus nur behauptet, ist, dass sein überirdischer, rettender, vergebender Geist, der die Welt überwindet, in den Propheten/Evangelien usw. klar zu finden bzw. zu erfahren ist: “wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan” (vgl. z.B. M. Magdala am Grab, Emmaus-Jünger usw.). DENN: “Gott ist Geist” (Joh 4)
    Dieser Geist Jesu, auf den AT und NT hin versiegelt sind, ist der überirdische rettende Geist des Kreuzes und der Auferstehung. In diesem Geist sind die Geschichte Israels (AT) und das Evangelium auszulegen. Dieser Geist hat bei jedem Widerspruch Vorrang!

    Als Bild dieser geistigen Versiegelung der Bibel sehen viele das berühmte Siegel “Aleph und Tav” (Alpha und Omega). Tav (latinisiert T) ist das Tau-Kreuz der frühen Christen (ihr Siegel). Als Symbol steht es für das Ende (Kreuzestod Jesu). Aleph ist das Symbol für den Anfang. In Tod und Auferstehung führt Jesus die Menschen wieder zum Anfang szs. vor den Sündenfall. In diesem Aleph-Tav ist die Bibel geistig versiegelt. Das heißt: Die Bibel entfaltet ihren geistigen Sinn erst, wenn sie rückwärts konsequent im Licht/Geist der Gnade von Kreuz und Auferstehung gelesen wird (szs als Bekräftigung dieses Geistes!).

    Aber das ist nicht alles! Der Text der Bibel ist laut der Aussagen des NT nur eine Art Jakobsleiter hin zum Geist des Vaters, eine Unterstützung. Das heißt, wenn man den lebendigen Geist des Vaters/Jesu vollständig hat, braucht man eigentlich den Text nicht mehr – wie bei einer Leiter, die man nicht mehr benötigt, wenn man aufgestiegen ist (Paulus brauchte keine Bibel!). Freilich schafft das kaum einer (vgl. z.B. Prince “The ladder”). Oder wie Bibel-Kenner Marvin Gaye, trotz seines tragischen Schicksals (u.a. wegen Streitereien um die Bibel/Gesetz) auf seinem Gottesdienst “What´s Going on” sang: “Don´t talk about my father. God is my friend…” Wenn Gott wirklich dein vergebender persönlicher Vater geworden ist und Jesus dein Bruder, hast du es nicht nötig über sie zu diskutieren und zu streiten – du kennst sie selbst am besten und findest in ihren Worten das, was dir persönlich weiterhilft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s