In punkto „Schwachheit“ der Gläubigen gibt es einige Mißverständnisse und Fragen. Wie verträgt sich Schwachheit mit erlebter Fülle? mit Vollmacht? mit Sieg und Herrschen? mit Wohlstand und Erfolg?

Wir beobachten etwa:

  • gerade die Christen, die sich mit ihrer wirklichen Erlösung beschäftigen (und nicht mit einer Verkürzung oder Übertreibung derselben) erkennen über kurz oder lang, wie abhängig sie davon sind, dass Gott ihnen hilft und sie beschenkt
  • wer erkannt hat, dass die eigenen Bedürfnisse nicht länger ignoriert werden sollten und sie sich eingesteht – sieht sich plötzlich damit konfrontiert, dass er unfähig ist, sie selbst zu erfüllen (etwa weil er dafür andere Menschen braucht); er erkennt sich als „schwach“
  • starke und gleichzeitig unerfüllte Bedürfnisse (auch jenseits von Hunger, Durst, Kleidung, Wohnung) bereiten Schmerz: Wertschätzung, Zugehörigkeit, Bestimmung, Familie, Liebe, Leichtigkeit usw. Die Versuchung, ihnen über falsche Strategien wie Sündigen oder Gesetz beizukommen, ist naheliegend und meist Realität (und auch alternativlos, bis wir echte Alternativen haben)
  • oftmals sind Menschen, die Christen werden, unfähig oder nicht daran gewöhnt, Spaß zu haben und auf gesunde Weise für sich selbst zu sorgen; sie sind „schwach“ darin, für ihre eigenen Bedürfnisse zu sorgen
  • die Beschreibung dessen, was wir in Christus alles sind und haben, weckt den Wunsch, das auch real zu erleben (schon weil es einige unserer Bedürfnisse erfüllen würde); aber schnell merken wir, dass keinen Knopf gibt, auf den man drücken kann, um sich etwa umgehend geliebt zu fühlen

Die Fülle der Erlösung scheint also kein geistliches Kaufhaus zu sein, bei dem wir souverän und autonom und „stark“ durch die Regale gehen und uns nehmen, was wir brauchen (obwohl manche das behaupten). Eher scheint es so zu sein, dass Jesus wie im Tante-Emma-Laden (den wir etwas „schwächelnd“ betreten haben) hinter der Theke steht und uns freundlich fragt: „Was darf es denn heute sein?“ und uns in ein Gespräch verwickeln will.

Das Neue Testament sagt mehrmals, dass unser Fleisch, unsere Natürlichkeit schwach ist:

Mk 14,38 Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach.

Röm 6,19a Ich rede menschlich wegen der Schwachheit eures Fleisches …

Es gibt Schwachheit in Bezug auf Gebet ( Röm 8,26 ) oder auf einen „geistlichen“ Dienst ( 1Kor 2,3 2Kor 10,10 Gal 4,13 )

Paulus geht sogar so weit und rühmt sich seiner Schwachheit:

2Kor 12,5 Über diesen will ich mich rühmen; über mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, nur der Schwachheiten.

Diese Schwachheit unserer Natürlichkeit, unseres Fleisches ist nicht beendet durch unser Erlöst-Sein. Aber wir können anfangen, sie anders einzuordnen.

Schwachheit scheint gleichbedeutend mit Abhängigkeit (von Gott – aber auch von anderen!) und Bedürftigkeit zu sein. Wir sehen uns nicht gerne als abhängig und bedürftig. Oft verachten wir uns dafür. Dabei sind Kinder es lange Jahre – aber wer käme auf die Idee, sie dafür zu verachten. Unsere Kultur möchte uns stark, kompetent, fähig, vital, attraktiv etc. sehen (und auf dem einen oder anderen Gebiet sind wir das sogar öfter mal) – nur dann sind wir ok. Aber wer ist das schon (wenn er oder sie mal ehrlich ist)?

Gott hat kein Problem damit, wenn wir uns so fühlen (aber auch nicht, wenn wir uns gerade voller Saft und Kraft fühlen). Seine Geschenke sind nicht davon abhängig, wie uns gerade zumute ist. Er will uns immer beschenken. So machen auch Sätze wie dieser Sinn:

2Kor 12,9 Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung. Sehr gerne will ich mich nun vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 2Kor 12,10 Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.

Das ist keine schräge Sicht auf das Leben – sondern die Einsicht, dass unsere sowieso unvermeidbare Schwachheit kein Hindernis für Gott ist, uns zu beschenken und sogar durch uns zu wirken. Allerdings sollten wir beachten, dass wir nicht in einem apostolischen Dienst stehen wie Paulus (dieser Teil gilt also nicht für uns).

Vermutlich war das auch ein „Geheimnis“ der ersten Gemeinden: sie waren sich ihrer Schwäche und Bedürftigkeit oft bewußt – aber es erschien ihnen nicht länger verachtenswert. Es war ihnen nicht peinlich. Sie wollten nicht kompetent werden (und es fehlten ihnen dazu auch Dinge wie Bildung, Geld, Aussehen usw.). Vielmehr lernten sie immer mehr, dass ihre Schwachheit (auch in Bezug auf das Sündigen) kein Hindernis darstellt für Gottes Geschenke und Gottes Wirken (auch in großer Vollmacht).

Jesus kannte dieses Gefühl übrigens auch:

Hebr 4,15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist, doch ohne Sünde.

Darum ist er auch der überaus qualifizierte Mann hinter der Theke des Tante-Emma-Ladens der Erlösung 😉 Er kennt seine Kunden. Er weiß, wie sehr uns unsere Schwachheit oft dazu verleitet, mit den falschen Lösungen zu liebäugeln.

»

  1. Ich verstehe das Tante Emma Laden Beispiel nicht ganz. Heisst das: Jesus will Beziehung und nicht unsere Anstrengung durch die Regale zu gehen und selber zuzugreifen? Ich finde, daß all‘ diese Güter/Kräfte/Gaben doch schon unlängst in uns hineingelegt wurden. Ich gehe MIT ihm durch den Laden. Ich darf mir von allem nehmen. Bezahlt hat er schon! 🙂

    • Ja, so war es gemeint.

      Dass er mit uns durch die Regalreihen eines geistlichen Supermarkts geht, trifft es vermutlich ebenfalls (sind Vergleiche und damit Annäherungen) – wir sind bloß eben keine selbstherrlichen Selbstbediener: was eben auch immer ein Anstrengungselement hat und uns leicht dem (Selbst)Vorwurf aussetzt, WIR hätten ja einfach nicht genommen (wenn es uns an irgendwas mangelt).

      … für die jüngere Generation hier noch die Begriffserklärung samt Bildern: http://de.wikipedia.org/wiki/Tante-Emma-Laden

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