Wer hier immer wieder liest, das Gesetz habe keine Gültigkeit mehr für Christen, könnte das vorschnell mit einer Art „Verachtung“ des Alten Testamentes gleichsetzen. Das ist aber nicht der Fall.

Schauen wir uns an, worüber uns das Alte Testament „informiert“:

  • Es offenbart Gott – dass es einen Schöpfer gibt und dass die Welt nicht von selbst entstanden ist.
  • auch im Alten Testament ist Gott ein Gott der Liebe, der um jeden Menschen, der je gelebt hat, tief besorgt ist
  • es zeigt uns den brutalen und grausamen Teil des Gesetzes – und damit indirekt den Bedarf nach einer anderen „besseren“ Lösung
  • Gott hatte schon lange vor dem Gesetz und ohne Gesetz eine intime Beziehung zu Menschen – auf der Grundlage von Gnade und (schwachem!) Glauben
  • der Bund mit Abraham liegt vor dem Sinai-Bund des Gesetzes und ist höherwertig, da er allen Menschen gilt und bereits allein auf Gottes Gnade beruht (anders als der Sinai-Bund!)
  • es macht klar, daß das Gesetz nicht nur aus dem besteht, was etwa das Zusammenleben fördern mag (würde es beachtet werden können), sondern eine Seite hat, vor der man sich zu Recht fürchten muß
  • Es offenbart, dass es, wenn wir sündigen, normalerweise eine Konsequenz gibt
  • schon vor Jesus zeigt es einen vergebenden Gott
  • schon „vor Jesus“ konnten Menschen auf der Grundlage von Gnade und schwachem Glauben im Reich Gottes sein
  • Es offenbart den Plan Gottes, dass es einen Erlöser geben wird
  • Es zeigt, dass Gottes Gerichte nicht dazu dienen, zu „bestrafen“, sondern wiederherzustellen
  • schon vor dem Gesetz und zur Zeit des Gesetzes zeigt es uns Menschen, die ohne Gesetz leben oder das Gesetz öfter mal ignorieren und uns als Vorbilder des Glaubens (voller Schwächen!) hingestellt werden
  • Es offenbart eine Auferstehung der Toten zu ewigem Leben
  • Im Alten Testament wird immer wieder von einem neuen Bund geredet und dass Gott seinem Volk das Geschenk des heiligen Geistes geben wird, um das steinerne Herz des Menschen durch ein „Neues Herz“ zu ersetzen
  • es zeigt, dass Abraham unser „Vater im Glauben“ ist und nicht Mose
  • Es offenbart, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, um Gott ähnlich zu sein und um die Herrschaft über das ganze Welt mit Gott zu teilen

Daher macht es auch Sinn, dass das Alte Testament von Jesus und den Aposteln häufig zitiert wird. Für einen Teil ihrer Zuhörer und Leser war das Alte Testament eine Autorität.

All diese Feststellungen bedeuten natürlich nicht, daß man das Alte Testament als Grundlage nehmen kann für Lehraussagen. Es kann nur bestätigen, was in den Evangelien und in den Briefen ausdrücklich gelehrt wird. In dieser Weise wird es auch von Jesus und den Aposteln zitiert.

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  1. Stimme dem Gesagten voll zu! Das AT muss vom NT her ausgelegt werden, nicht umgekehrt. Das Erscheinen des Messias zeigt vieles in einem neuen Licht…
    Einer der interessantesten Aspekte der Bibel ist, dass sie eigentlich aufgebaut ist, wie ein Hitchcock-Film. Wir kennen nun das Ende, auf das alles zuläuft, den Messias. Die Frage ist nun auch, welche Vorzeichen gab es schon vorher auf Jesus – den guten Hirten – im AT. Paulus selbst deutet z.B. Isaak, den durch Gottes Verheißung geborenen, zum Opfer bestimmten Sohn als Schatten Jesu im AT. Hier lassen sich viele Beispiele finden.
    Interessant ist z.B. die Rut-Liebesgeschichte, die Moabiterin, die aus ihrem Elend von Boaz von Bethlehem erlöst wird. (Jesus als Bräutigam der Braut Israel). Am bekanntesten und spekulativsten wohl: Das Hohelied – Die freie, stark erotische Liebe zwischen dem Hirten und der schönen Tochter Jerusalems, seiner möglichen Braut, die stärker ist als der Tod. Er rühmt ihre orientalische Schönheit, sie salbt ihn mit teuren Ölen und Düften als ihren König Salomo und sie lieben sich im Garten, wo er Gärtner ist. (Jesus als guter Hirte und König, Jesu Salbung durch Maria v. Magdala u.a., Jesu Auferstehung im Garten/Garten Eden).

    • „Die Frage ist nun auch, welche Vorzeichen gab es schon vorher auf Jesus – den guten Hirten – im AT.“

      Das ist gar nicht so schwer, wenn man eine Bibel in hebräisch hat.
      Wo das Alev/tav vorangestellt ist (der Anfang und das Ende) ist es oft ein Zeichen auf den Messias und Sein Wirken. Das beginnt bereits bei Genesis 1,1.

      • Hab davon gehört! Das ist eine Wissenschaft für sich. Was ich gehört habe ist, dass z.B. im Hohelied das Alev/tav mehrmals vorangestellt ist. Dies führt zu einer komplexen Symbolik:
        In den Küssen ihrer Liebe finden der Hirte und die schöne Geliebte „Milch und Honig“ (vgl. die Symbolik des AT), ihre berauschende Liebe ist der wahre Wein, der die Aromen aller Früchte vereinigt usw. Hier wird die konkrete Liebe zwischen dem Hirten und seiner schönen Braut durch das Alev/tav und allgemein die Brautsymbolik in AT + NT auf die Liebe des Glaubenden zu seinem Herrn/Gott bezogen.
        Ähnlich auch im NT: Maria v. Magdala sucht genauso wie die Schöne im HL verzweifelt den Körper des guten Hirten und fragt die Wächter/Engel: Wo ist der Leichnam des Herrn? (das Wort kyrios kann Herr, Gebieter bedeuten, aber steht auch für Ehemann). Schließlich erkennt sie Jesus nur an seiner Stimme, wie eine intim Vertraute – aber auch wie Jesus es von den Glaubenden gefordert hat: Die Schafe erkennen den guten Hirten an seiner Stimme, der sie vertrauen.

        • Verborgener Zusammenhang AT mit NT – für Interessierte eine kleine Ergänzung aus jüdischer, alttestamentlicher Persepktive:
          Gott gilt schon im AT, z.B. bei David, als der Hirte Israels. Dieser himmlische Hirte heiratete nun nach jüdischem Verständnis am Sinai seine Braut Israel. Der schriftliche Brautvertrag (Ketubba) ist das mosaische Gesetz. Paulus sagt nun in Röm 7: „eine Frau ist an ihren Mann gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann stirbt, so ist sie frei von dem Gesetz“. Mit Jesus stirbt am Kreuz Gott/der gute Hirte, der Ehemann Israels. Damit ist die Ehefrau frei für eine neue Verbindung. Die neue Verbindung ist der Auferstandene, mit dem Israel einen neuen Bund eingeht. Nach Paulus: „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi, sodass ihr einem andern angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist, damit wir Gott Frucht bringen.“
          Diese neue Verbindung hat nun freilich keinen schriftlichen, gesetzlichen Ehevertrag mehr, sondern entspringt der gegenseitigen Liebe und vollzieht sich geistig.
          Darum gilt z.B. auch bei vielen Rabbis das Hohe Lied als zentral für die Messias-Erwartung. Es zeigt Gott in einem neuen messianischen Licht – einen Herzensbund aus gegenseitiger Liebe: „Mein Freund ist mein und ich bin sein…“ (HL 6)
          (Was sie jedoch vehement abstreiten, ist, dass Jesus dieser frei liebende, messianische Hirte war…)

  2. Gottes universelle Gnade vs besondere Religion ! Eine Merkwürdigkeit im AT !?

    Ich schreib mal was wirklich Abgespactes für Biblefreaks mit tieferen Kenntnissen als ich, etwas Esoterisches, Merkwürdiges, was ich mal gehört hab, als ich mich mal kurz mit den Branch Davidi-ans (dem ominösen „David Koresh“) beschäftigt hab. Ich hab da wirklich keine Ahnung, in wieweit sich das biblisch genau belegen lässt, da muss man sich zufällig gut auskennen… (löschen no pro !)

    Es betrifft die Frage, ob wir das Judentum und Jesus, den Messias, in unserer Tradition nicht viel zu sehr als exklusive Bekenntnis-Religion deuten, eben wie die meisten jüdischen Tempel-Schriftgelehrten es taten. Dabei gibt es aber verborgene Hinweise, dass die Juden des AT in ihrer Spiritualität (in ihren Propheten) gar nicht so sehr an eine Exklusivität der jüdischen Religion, einen besonderen jüdischen Gottes-Glauben dachten, sondern das Judentum einfach als das Volk des höchsten, letztendlich gnädigen, allein gerechten Gottes definierten – eines Gottes, der auch in Königen, Propheten und Weisen andrer Völker wirkt und sich verkündet. Kronzeuge hierfür ist wohl der legendäre Perserkönig Kyros (hebr. Koresh). Das Merkwürdige dabei ist, dass Jesaja, der die wichtigsten Messias-Prophezeiungen Jesu gab, – z.B. Jes 9 vom erwählten Friedenskönig, der die kriegerischen Könige entwaffnet – auch vom fremden Perserkönig Kyros als vom Gott „erwählten Messias und Friedenskönig“ spricht, obwohl er den „Gott Israels gar nicht wirklich kannte“ (Jes 45), sondern nur allgemein an einen höchsten, friedenswillig-gnädigen Gott glaubte. Offensichtlich konnte also für den Propheten Jesaja des AT ein friedliebender fremder König, der an einen gnädigen höchsten Gott glaubte, ein von Gott eingesetzter „guter Hirte Israels“ (Jes 44,24ff.), szs. ein „heiliger König“ sein !?
    Hier zeigt sich wohl ein Glaube, der auch in den Worten Jesajas zur Tempelgründung in Jerusalem deutlich wird: „Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker…“ Hier wird eine überreligiöse Bedeutung des Tempels – jenseits aller Religion als allgemeiner Gnadenort des höchsten Gottes – prophezeit. Worte die auch Jesus aufgriff, als er im, durch eine besondere Mauer abgetrennten Vor-hof des Tempels, der den gottfürchtigen Heiden der Nationen noch zugänglich war, rief: „Steht nicht geschrieben: ‚Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker‘? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht“ (Mk 11). Worte Jesajas, auf die wohl auch Paulus anspielt, wenn er sagt, dass Jesus, die Mauer, die die im Herzen Gottfürchtigen der fremden Nationen von den auch gottgläubi-gen Juden trennt, in seiner Person, in seinem Glauben eingerissen hat (Eph 2). Der Messias wird den jüdischen Tempel als Ort der Gnade des höchsten Gottes für alle Völker öffnen, alle Nationen den Weg hinter die Mauer durch den Vorhang in den Ort allerheiligster, höchster Gnade weisen. Er wird ein Gastmahl mit Brot und Wein jenseits aller Religion auf dem Zion geben, den Völkern das Gnadenbrot des Lebens vom Tisch des Herrn, des höchsten, gnädigen Gottes, schenken usw.

    Und hier liegt wohl die Bedeutung des Perserkönigs Kyros: Er war laut Bibel der heidnische Auf-traggeber dieses Tempelbaus – des Tempels als „Bethaus für alle Völker“: „So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen… (z.B. Esra 1) Wenn man derartige biblische Worte wirklich ernst nimmt, dann handelt Gott im AT offensichtlich auch durch gottfürchtige Nationen, fremde Völker und hat sogar einem Mann, der garnicht an die besondere jüdische Religion und ihre besonderen Gesetze und Traditionen glaubt, einmal die rechtmäßige Macht über alle Reiche der Erde verliehen, samt dem Recht den obersten Tempel des höchsten Gottes einzurichten !?
    Und nicht nur das ! Jesaja schildert Kyros als messianischen Kämpfer im Namen Gottes in etwa mit den gleichen Bildern wie die Psalmen prophetisch König David, z.B.: „So spricht der HERR zu sei-nem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unter-werfe und Königen das Schwert abgürte, damit vor ihm Türen geöffnet werden und Tore nicht ver-schlossen bleiben: Ich will vor dir hergehen und das Bergland eben machen (…) Ich habe ihn er-weckt in Gerechtigkeit, und alle seine Wege will ich eben machen. Er soll meine Stadt wieder auf-bauen und meine Gefangenen loslassen (…) Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und sonst keiner mehr. Ich schwöre bei mir selbst, und Gerechtigkeit geht aus meinem Munde, ein Wort, bei dem es bleiben soll: Mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen schwören und sagen: Im HERRN habe ich Gerechtigkeit und Stärke (Jes 45). Der Perser Kyros wird hier als messianischer Bezwinger Babylons und Befreier des Gottesvolkes von der ba-bylonischen Sklaverei („Gefangenschaft“) gepriesen und prophezeit.

    Hieraus ergibt sich ein weiterer Punkt: Der Sieg über Babylon durch den messianischen König ist das zentrale Thema der endzeitlichen Offenbarung des Johannes (und Daniels, des Propheten unter Kyros)…

    Und so behaupteten Leute wie David Koresh, dass es einen verborgenen gedanklich-bildlichen Zu-sammenhang zwischen Kyros, dem gottgläubigen heidnischen König, dem Gott alle Länder unter-werfen will, dem messianischen David der Psalmen, dem Gott „alle Völker der Erde zum Erbe ge-ben“ will und dem endzeitlichen siegreichen messianischen Reiter (Jesus) der Offenbarung, dem Bezwinger Babylons, gibt…
    Keine Ahnung, ob man so die „seven seals“ knacken kann, wie Koresh es behauptete. Da muss man sich extrem gut auskennen. Auf jeden Fall scheint aber interessant, dass in dem legendären König Kyros, der von Alexander dem Großen, den griechischen Philosophen und auch römischen Geschichtsschreibern als Friedenskönig bewundert wurde, auch die jüdischen Propheten des AT eine Art „heidnischen Messias“, jenseits aller besonderer Religion, sahen: einen König der an Gottes unbedingten Willen zur Gnade und zum Frieden glaubte…

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