Jakobus, der angebliche Vertreter der Werksgerechtigkeit, erweist sich schon im ersten Kapitel seines Briefes als Prediger der Gnade Gottes. Das Wort wird zwar im ganzen Kapitel nicht verwendet, ist aber in der Sache ständig präsent.
 1 Jakobus, Knecht / Sklave Gottes und des Herrn Jesus Christus, den zwölf Stämmen, die in der Zerstreuung sind, seinen Gruß!
Eine Selbsttitulierung, die selten geworden ist 😉 … heutzutage neigt man eher zu Formulierungen wie „seit 30 Jahren im Dienst … diente dem Herrn in über 35 Staaten der Erde … wird als Redner geschätzt … begeistert seine Zuhörer … sein Dienst ist von Vollmacht gekennzeichnet“.
2 Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen / Prüfungen  geratet, 3 indem ihr erkennt, dass die Bewährung / Prüfungsmittel eures Glaubens Ausharren bewirkt.
Um was mag es sich wohl handeln bei diesem Ausharren? Und worin besteht die Prüfung? Vers 4 hilft die Antwort zu finden: am Ende werden wir „in nichts Mangel haben“. Was fast schon nahelegt, dass die Prüfung darin besteht, dass wir konkreten Mangel haben. Bedürfnisse melden sich machtvoll. Und die Tatsache, dass sie unbefriedigt sind, läßt sich nicht verdrängen. Der Mensch ist ein durch und durch bedürftiges Wesen. Und Bedürfnisse lassen sich nicht ignorieren – sonst mutieren sie zu dem, was die Schreiber des NT vermutlich mit „Begierde“ beschreiben.
In Christus haben wir die Fülle. Das beschreibt unser Sein in ihm, unsere Neue Natur. Aber diese Fülle ist wie die Millionen auf dem Bankkonto: es wäre schön, wenn davon etwas spürbar bei uns ankäme.

4 Das Ausharren aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt

Jakobus, der Mann der Werke … er beschreibt das Ziel des Prüfungsprozesses: die Beseitigung von Mangel. Wenn wir am Ende der „Prüfung“ immer noch deutlich Mangel haben, dann mag es sich um vieles handeln – aber nicht um eine Prüfung, die wir durch Glauben überstanden haben.

5 Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der allen willig gibt und keine Vorwürfe macht / nicht schimpft, und sie wird ihm gegeben werden

.

Irgendwo wurde mal gesagt: Weisheit ist praktisch angewandte Erkenntnis. Das würde passen: wie wird die Erkenntnis über die Fülle in Christus, die wir haben, für uns auf einem konkreten Gebiet praktisch?
Dabei ist es gut zu wissen, dass Gott nicht mit uns schimpft, wenn wir es offensichtlich noch nicht begriffen haben und nicht praktisch umsetzen konnten.

6 Er bitte aber im Glauben, ohne irgend zu zweifeln; denn der Zweifler gleicht einer Meereswoge, die vom Wind bewegt und hin und her getrieben wird

Wie können wir im Glauben bitten, wenn wir nicht von folgendem überzeugt sind:
  • Gott liebt uns
  • wir liegen ihm sehr am Herzen
  • er möchte uns Gutes tun
  • er sieht unsere Probleme
  • wir sind ihm nicht egal

Fehlen uns diese Überzeugungen, kann kein Glaube entstehen. Der Zweifel ist dann ganz normal.

7 Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde, 8 ist er doch ein wankelmütiger / doppelherziger [wörtlich: von geteilter Seele] Mann, unbeständig in allen seinen Wegen.

Wer nicht überzeugt ist, wird in der Wahl seiner Mittel ständig (also nicht nur manchmal) hin und her switchen. Mal setzt er auf die Gnade, dann wieder auf das Gesetz. Aber ihm ist nicht zu helfen, indem man ihn mit „Hab mehr Glaaaaaauuuuben, Bruder“ terrorisiert. Und es ist auch kein Zeichen von Liebe, über ihn mit einem kühlen „Selbst schuld!“ zu urteilen.
9 Der niedrige Bruder aber rühme sich in seiner Hoheit, 10 der reiche aber seiner Niedrigkeit; denn wie des Grases Blume wird er vergehen.
Was soll das nun? Arme und Reiche? Denken wir an den Mangel. Denn hier haben beide Gruppen unterschiedliche Probleme.
Der Reiche ist schnell versucht, seinen spürbaren Mangel, seine sich machtvoll meldenden Bedürfnisse mit den Mitteln zu befriedigen, die sein Reichtum ihm bietet. Was kann man nicht alles kaufen! Aber nur das Echte wird uns wirklich das Gefühl geben, Fülle erfahren zu haben. Nur das Echte wird den Mangel beseitigen.
Der Arme dagegen ist gewohnt, sich zu bescheiden. Er erwartet nicht viel vom Leben. Das wird ihn hindern im Umgang mit Gott und seinen Geschenken.
11 Denn die Sonne ist aufgegangen mit der Glut und hat das Gras verdorren lassen, und seine Blume ist abgefallen, und die Zierde seines Ansehens ist verdorben / vernichtet; so wird auch der Reiche in seinen Wegen dahinschwinden.
Hier bekommen die Reichen nochmal extra ihr Fett ab. Auch eine der Haltungen, von denen in der heutigen Gemeinde nur noch wenig bis gar nichts zu finden ist … der Reiche hat seine ganz eigenen Wege, mit dem Leben und seinem Mangel klar zu kommen.
12 Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er den Siegeskranz des Lebens empfangen, den der Herr denen verheißen hat, die ihn lieben.
Wer Wege findet, mit seinem Mangel nicht in seinen eigenen Wegen umzugehen, der wird zusätzlich auch noch belohnt. Hier wird auf das Preisgericht für die Gläubigen angespielt – das leider so oft mit einem Strafgericht für die Gläubigen verwechselt wird.
13 Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht niemand.
Gott wollte keine Welt, in der Mangel an irgendwas herrscht. Und die Welt, wie wir sie heute erleben, ist auch nicht das Ergebnis seines Willens. Menschen sollten keinen Mangel haben – aber sie haben ihn eben nun mal und müssen damit umgehen. Gott für den Schuldigen an dieser Situation zu halten, bringt nicht weiter – und ist zudem nicht wahr.
14 Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird.
Da ist sie – die Begierde. Wir behaupten: das sind unsere legitimen Bedürfnisse, die lange genug nicht befriedigt wurden – und so zu machtvollen Begierden werden. Und wenn es mal so weit gekommen ist, läßt sie meist nur noch wenig machen: man wird fortgezogen und gelockt. Bedürfnisse sind nichts Böses – und zu Begierden gewordene Bedürfnisse eigentlich auch nicht. Oder wenn doch, dann sind sie auf eine sehr profane Weise böse.
15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, bringt sie Sünde hervor; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.
So funktioniert der Mechanismus: unsere Bedürfnisse wurden lange genug unbefriedigt gelassen, der Mangel verstärkt sich, das Bedürfnis wird zur Begierde – und dann ist es meist schon zu spät. Bedürftige Mängelwesen sind leichte Beute – Christ-Sein hin oder her. Sündigen ist also kein mystischer Prozess voller teuflischer Raffinesse, den wir nicht verstehen können und dem wir immer aufs Neue hilflos ausgeliefert sind.
16 Irret euch nicht, meine geliebten Brüder!
Ist das bezogen auf der vorher gesagte? Oder auf das, was jetzt kommt? Schwierig zu entscheiden … jedenfalls sind wir die geliebten Brüder (und auch Schwestern).
17 Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch eines Wechsels Schatten.
Nun endlich ist explizit die Rede von der Gnade Gottes.  Und Gott schwankt nicht in seinem Willen, uns zu beschenken. Und egal, wie profan das aussieht, was uns zuteil wird in (und gegen) unserem Mangel – es kommt von Gott.
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