Seit vielen Jahrhunderten verwirrt die These, daß nichts in unserem Leben passiert, ohne daß Gott es zugelassen hätte, die Köpfe vieler Christen. Und vermiest ihnen ihr Leben.

Ursache ist, daß Christen unbedingt die Allmacht Gottes verteidigen wollen (als wäre das auch nur irgendwie nötig). Das tun sie, obwohl die Bibel ganz klar lehrt, daß Gott seine zweifelsohne vorhandene Allmacht in Bezug auf diese Erde begrenzt hat. Denn hier haben wir Menschen das Sagen. Wir haben die Herrschaft hier – ob uns das gefällt oder nicht. Würde Gott das übergehen, würde er seine eigene Regelung verletzen – was wiederum viel über seine Vertrauenswürdigkeit aussagen würde.

Halten wir aber trotzdem Gott für allmächtig in Bezug auf diese Welt (obwohl es dafür keine wirklich biblischen Argumente gibt – nur Fehldeutungen einiger weniger Bibelstellen), stellt sich natürlich die Frage, warum er dann Böses und Leiden zuläßt, wenn es doch in seiner Macht stände, es zu verhindern. Die einzig logische Schlußfolgerung ist dann natürlich, daß Gott ein Sadist wäre. Er wäre weit davon entfernt, unser Partner und Beistand zu sein, wenn wir uns gegen Böses und Leiden wehren. Im Gegenteil: wir würden uns gegen seinen Willen stellen, wenn wir beides wieder aus unserem Leben haben wollen. Jesus selbst hätten sich durch die Art seines Dienstes Gott in den Weg gestellt, wenn Gott ein „Zulasser“ wäre.

Dazu kommt noch die Vorstellung, er sitze quasi am Schreibtisch und unterschreibe „Zulassungen“ (oder eben nicht). Auch hier sehen wir an Jesus, dass Gott dort ist, wo Menschen leiden und Schmerzen haben und mit ihrem Leben nicht oder nur schwer zurecht kommen (und nicht am Schreibtisch).

Oft wird diese schräge Theologie noch dadurch fromm geschmückt, daß dem (zugelassenen) Leiden in unserem Leben angeblich eine wichtige pädagogische Funktion zukommt: es verändere uns.  Die einzig logische Schlußfolgerung daraus ist wiederum, daß die Erlösung und ihre Auswirkungen auf unser Leben allein nicht ausreichen, uns zu verändern. Letztlich wird damit gesagt: das Werk des Heiligen Geistes in uns reicht nicht aus – auch Leiden und Qualen sind notwendig zu unserer Veränderung.

Sich zu weigern, Gott als Zulasser und damit als Mitverursacher von Leid und Schmerz zu sehen, heißt noch lange nicht, daß wir Leid und Schmerz für völlig vermeidbar halten (das ist die – überzogene – Schlußfolgerung der Lehre vom Wohlstandsevangelium). In unserem Leben wird es immer Leid und Schmerz geben, weil wir in einer sogenannten gefallenen Schöpfung leben. Wenn beides aber unvermeidbar ist, ist es völlig überflüssig, zusätzlich dazu noch weiteres Leiden und weitere Schmerzen in unserem Leben zu haben, zu dulden oder zu begünstigen. Und eine Theologie, die den Zulasser-Gott propagiert, begünstigt nun mal Leid und Schmerz. Sie schafft völlig konsequent öfter auch einen Kult um das eigene Leid, auch und gerade um das offensichtlich selbst- und fremdverschuldete.

Natürlich kann die Zulassungstheorie das gute Ergebnis haben, daß sich Christen der Realität von Leid und Schmerz stellen und sich von der Illusion eines Lebens ohne Schmerz und Leid verabschieden. Aber leider geschieht in diesem Kontext mehr als das: aus der Unvermeidlichkeit wird ein Bejahen des Vermeidbaren (denn wie oft merken wir im ehrlichen Rückblick, daß dies und jenes vermeidbar gewesen wäre). Die Folgen der eigenen Fehler und Fehlentscheidungen werden religiös verbrämt – womit leider auch ihre Wiederholung wahrscheinlicher wird. Menschen werden dann eben nicht dazu ermutigt, sich den Ursachen ihrer selbst- und fremdverschuldeten Leiden und Schmerzen zu stellen. Erkennen sie diese Ursachen, ist ein erster Beitrag dazu geleistet, daß sie sich vielleicht nicht wiederholen. Ansonsten können wir Jahr um Jahr uns selbst und anderen dabei zusehen, wie wir in die immer selben Leidensmuster hineinfallen (eine weitere Arbeitsstelle bei einem schrägen unseriösen Arbeitgeber, ein neuer Partner mit ähnlich kranken Verhaltensmustern wie schon die vorigen, wieder neue komische „Freunde“ ohne Interesse und Engagement für uns, eine weiterere todsichere Geldanlage, die uns aber diesmal wirklich den schnellen Euro bringen wird usw. usf.).

Die Tatsache, daß Gott offensichtlich auch in wirklich miesen Dingen noch etwas Gutes geben kann oder daraus erwachsen läßt, wird unerlaubt und unnötig zur These erweitert, ohne dieses Miese wäre es gar nicht zu diesem Guten gekommen. Die Tatsache, daß wir oft nur durch Leiden motiviert werden, über Veränderung nachzudenken, sagt viel über unsere Bequemlichkeit, unsere Selbstzufriedenheit, unsere Risikoscheu, unsere (bescheiden-demütigen) Lebensziele – und wenig über Gott und seine Mittel, uns zu verändern.

 

P.S. Diese Ausführungen sollen natürlich nicht dazu dienen, dass du nun nicht mehr Gott die Schuld gibst, sondern dir selbst. Es geht nicht darum, irgendjemand den Schwarzen Peter zuzuschieben.

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  1. Prima geschrieben und Nachgedacht. Nun aber, der Zulasser-Gott ist Tatsächlich der Alles-Bewirker-Gott. Und die Schwierigkeit besteht für uns zwar in der Sicht auf Gott, aber in Wirklichkeit auf unseren Standpunkt in Welt (Zeit&Raum), in Sünde, in ..

    • Der Standpunkt in Zeit und Raum ist der einzige, den wir haben. Die Sicht Gottes kennen wir nur, insofern sie uns offenbart wurde. Mit einer Sicht zu argumentieren, die wir nicht haben (und die wir auch nicht erlangen können!) und aus der sich vielleicht alles anders darstellt, ist eine Überschreitung unserer Erkenntnismöglichkeiten (also spekulativ). Und wäre es tatsächlich alles anders, wären wir belogen worden – was unserer Erkenntnis jede Grundlage entzöge.

      Der Alles-Bewirker-Gott ist eben der Zulasser-Gott … klingt nur erhabener und geheimnisvoller.

  2. Ich denke schon, dass Gott ein „Zulasser-Gott“ ist, denn Er lässt unseren freien Willen zu – und Er lässt zu, dass wir mit den Konsequenzen unsreres Verhaltens (und dem anderer) konfrontiert werden. Gottes Blick auf Zeit und Raum ist nicht mit unseren Dimensionen vergleichbar. Er hat das Weltgeschehen von der Schöpfung bis zum Vergehen dieser Welt im Blick. Was uns unbegreifbar erscheint, ist im Zusammenspiel aller Weltereignisse „logisch“. Was weiß denn eine Ameise von einem Computer? Und der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Tsunami auslösen kann. Wir können Gott und Seine Gedanken nicht erfassen. Aber wir können glauben und vertrauen, dass Er gut ist und keine Fehler macht.

    • Über die Frage kann natürlich jeder denken, wie er will – die Frage sind aber die (biblischen) Argumente dafür oder dagegen. Sprich: es herrscht Meinungsfreiheit, aber es gibt keine Befreiung von guter Argumentation 😉

      Den freien Willen hat Gott nicht zugelassen, sondern als etwas Positives gewollt (weil er echte Gegenüber haben wollte) – und tatsächlich: logisch ergibt sich daraus alles andere (etwa die damit verbundene Begrenzung der göttlichen Allmacht und auch die (Mit)Verantwortung des Menschen an Not, Leid und Unglück).

      Warum es für viele Christen tröstlich ist, zu meinen, Gott habe dies und das „zugelassen“ … wer weiß. Aber auch ohne diese Annahme bzw. wenn wir als Menschen „Schuld sind“, können wir „glauben und vertrauen, dass Er gut ist und keine Fehler macht“. Und eigentlich können wir das dann noch besser und einfacher.

  3. Ich verstehe das nicht: Wenn Gott in Bezug auf diese Welt seine Allmacht begrenzt hat (wie oben geschrieben), dann ist es ja wie russisches Roulette, etwas in seine Hände zu legen, zu glauben, zu beten, zu hoffen, dass er es gut macht, mich führt.
    Wenn die Dinge dann anders laufen und scheitern, passiert, obwohl Gott mir zwar gerne geholfen hätte, aber er war nicht „imstande“, da es ihm an Macht fehlte? Habe ich es falsch verstanden??? Ich dachte „bei Gott ist kein Ding unmöglich“. Und „all eure Sorgen werft auf ihn“ wäre doch dann auch eine heikle Angelegenheit!?!?
    Hoffentlich kann es mir jemand erklären…

    • Der Artikel bezieht sich auf ein Konzept von Gott und seinen Einfluß auf die Welt, dass ihn rätselhaft bis sadistisch erscheinen läßt – nicht darauf, ihm theologisch zu „verbieten“, dass er in unserem persönlichen Leben wirkt. Wir sind in seinem Reich und dort herrscht er. Der Artikel hat auch nicht das Ziel, aus einem „Gott ist schuld“ (an Leid und Schmerz) ein „ich bin schuld“ zu machen.

  4. Guten Morgen, ich verstehe den Artikel nicht ganz. Ich würde euch gerne eine paar Fragen stellen, was du/ihr glaubt.
    Ist Gott allmächtig? Wenn ja, nutzt er seine Allmacht nicht?
    Greift Gott in das Weltgeschehen ein? Wenn nicht, können wir dann Friedensgebete einstellen?
    Greift Gott in mein Leben ein, ohne dass ich ihn bitte?
    Greift Gott in mein Leben ein, wenn ich ihn bitte?
    Können wir für andere beten? Dass Gott Ihnen hilft?
    Gott lässt „Dinge“ doch in meinem Leben zu, oder nicht? Ich verhalte mich und Gott lässt mich handeln und mögliche Konsequenzen tragen. Wenn ich ihn bitte, es beim nächsten Mal anders zu machen, hilft er mir doch, oder nicht?
    Sorry, ich bin etwas verwirrt.

    • Zu den Fragen:

      ja, Gott ist allmächtig – aber er nutzt seine Allmacht nicht (da für ihn unsere Willensfreiheit eben auch sehr wichtig ist) – siehe auch den Artikel.
      Gott greift in das Weltgeschehen ein – nur eben nicht in „allmächtiger“ Weise (sonst wären alle Kriege sofort zu Ende und niemand würde mehr hungern).
      Gott greift ständig in unser Leben ein, ohne dass wir ihn bitten (müssen) – und wenn wir ihn bitten, natürlich erst recht. Das gilt auch für das Leben anderer.
      Gott „puffert“ ständig die eigentlich natürlichen Konsequenzen unseres Verhaltens. Er steht uns ständig bei. Er schenkt uns echte Veränderung. Wir können es uns leisten, Fehler zu machen und schlechte Entscheidungen zu treffen.
      Und nein, er „läßt Dinge nicht zu“ – sonst könnten wir auch gleich den ganzen Artikel wieder löschen.

      • Oder vielleicht doch noch nicht ganz begriffen 😦
        Wenn ich mich betrunken ins Auto setze und einen Unfall baue, lässt Gott dann nicht die Konsequenzen meines schlechten Verhaltens zu?

        • „Wenn ich mich betrunken ins Auto setze“, dann kann das Konsequenzen haben. MUSS es nicht, kann es aber.

          Vielleicht sollte man die beliebte Redensart „Gott hat es zugelassen“ einfach durch „Gott ist immer für uns da“ ersetzen.

  5. Vielen Dank für die Antwort. Jetzt habe ich es auch begriffen 🙂
    Eine letzte Frage, bzw. Feststellung: es „lohnt“ sich also um Frieden und mehr Gerechtigkeit auf Erden zu beten, da Gott auch diese Gebete erhört?!

    • Liebe Eva, du fragst mir aus der Seele sozusagen…
      Ich habs allerdings noch immer nicht begriffen.
      Was das Weltgeschehen angeht, laut Bibel steht es doch schon fest, oder? Ist es sinnvoll für Weltfrieden und Errettung zu beten, wenn es doch feststeht was mit der Welt geschieht und wer zu Jesus gehört?
      Ist der Friede nicht allein bei IHM?
      Ich finde die Vorstellung schwer zu ertragen, für die Errettung eines anderen zu beten, während es bereits feststeht, dass dieser NICHT zu Jesus gehört.
      Hoffentlich ist es so nicht…!?!?
      (auch) Eva

      • Der Artikel beschäftigt sich mit dem Konzept „Gott läßt zu“ – nicht mit Vorherbestimmung.

        Zur Vorherbestimmung: natürlich ist die Vorstellung sehr schräg, irgendein Mensch sei zum Unheil vorher bestimmt.

        Auch wenn die Bibel etwas über das Ende dieser Zeit sagt, so verstehen wir dabei längst nicht alle Details. Und was VOR diesem Ende geschieht, steht keinesfalls fest bzw. darüber sagt uns die Bibel nichts. Engagement und Gebet sind sinnvoll. Wir erwarten weder das Paradies in dieser Zeit noch wollen wir dazu beitragen, dass diese Welt für viele Menschen eine Art Vorhölle ist.

  6. Mir erscheint der Gedanke klärend, dass wir als Christen zwar in der Welt, aber nicht von der Welt sind. Ich verstehe darunter, dass wir zwar auch Dinge erleben, die nicht schön sind (Leid), weil wir in dieser Welt leben, aber wir dürfen damit anders umgehen (nicht aufgeben, verbittern) und haben eine Hoffnung, weil wir nicht von der Welt, sondern von Gott geboren sind. Wichtig scheint mir auch, dass es sich bei diesem Thema um ein Spannungsfeld und im Endeffekt um die Theodizee-Frage (Frage nach dem Leid) handelt. Evtl. ist die Spannung nicht einfach oder sofort auflösbar.

  7. „Das tun sie, obwohl die Bibel ganz klar lehrt, daß Gott seine zweifelsohne vorhandene Allmacht in Bezug auf diese Erde begrenzt hat. Denn hier haben wir Menschen das Sagen. Wir haben die Herrschaft hier – ob uns das gefällt oder nicht. Würde Gott das übergehen, würde er seine eigene Regelung verletzen – was wiederum viel über seine Vertrauenswürdigkeit aussagen würde.

    Halten wir aber trotzdem Gott für allmächtig in Bezug auf diese Welt (obwohl es dafür keine wirklich biblischen Argumente gibt – nur Fehldeutungen einiger weniger Bibelstellen)“

    Ich würde bitten diese Behauptungen biblisch zu untermauern, damit man auch selbst dies prüfen kann. Danke.

    • Man könnte nun etwa Ps 115,16 „Der Himmel ist der Himmel des HERRN, die Erde aber hat er den Menschenkindern gegeben“ zitieren als schöpfungstheologische Aussage oder „Macht euch die Erde untertan“ (1.Mose 1,28), aber das ist kein Thema, dass sich aus der Auslegung einer einzelnen Bibelstelle ergibt, sondern aus der Gesamtschau, aus der „Systematisierung“ von Aussagen. Hier kann man nicht einfach mit „Dieser Bibelvers sagt ganz klar, dass …“ kommen.

      Wir fragen einfach zurück: Hat der Mensch etwa nicht das Sagen auf der Erde? Ob nun zum Guten oder zum Bösen – ist eine andere Frage. Greift Gott etwa allmächtig jederzeit ins Weltgeschehen ein? Offensichtlich nicht. Hat der Mensch keinen Herrschaftsauftrag bekommen über die Erde? Offensichtlich doch.

      Über das Thema könnte man sicherlich ein Buch schreiben – aber am Ende käme auch nichts anderes raus als das, was wir hier auf knapp zwei Buchseiten geschrieben haben.

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