Da die meisten Christen nicht wissen, wie sie auf der Grundlage von Gnade mit Jesus leben sollen, sind sie heillos überfordert, wenn es um ihre Berufung geht.

Hinter Berufung steckt oft die Vorstellung, es gäbe ein Ausleben von Begabungen und Fähigkeiten, das einem das Gefühl gibt, dort zu sein, wo man sein sollte. Vielleicht so eine Art „Flow“-Erlebnis?

Eine der schlimmen Dinge in dieser Berufungstheologie ist, daß sie Menschen das Gefühl vermittelt, mit ihnen sei irgendwas nicht in Ordnung. Denn sie leben ja nicht im Optimum ihrer Gaben und Fähigkeiten.

Das ist es beruhigend zu sehen, wozu offensichtlich jeder Christ berufen ist:

1Kor 1,9 Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.
1.Kor 7,15 … zum Frieden hat uns Gott doch berufen
Gal 5,13 Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder …
1.Tim 6,12 … ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist …
1.Petrus 2,9 … der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat
1.Petrus 3,9 … segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt!

Soweit, so schön!

Und leider leben viele in kirchlichen Umgebungen, in denen sie bereits genug damit zu tun haben, diese „Berufungen“ zu leben und zu bewahren. Denn ständig erzählt man ihnen, daß sie dazu „berufen“ seien, sich diese Dinge zu erarbeiten.

Aber natürlich gibt es auch das, was die Berufungslehre unter „Berufung“ versteht: einen speziellen Dienst, der über unsere allgemeine Berufung hinausgeht.

Apg 13,2 Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe!

Hier handelt es sich um die Berufung von Aposteln. Und leider erfahren wir wenig bis gar nichts von anderen Berufungen, die es in den damaligen Gemeinden gegeben haben mag. Und wie sie zustande gekommen sein mögen.

Aber die Sache gab es auch damals, wie wir an einem Herrn namens Archippus sehen.

Kol 4,17 und sagt Archippus: Sieh auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllst!

Und es tut Menschen gut, die Begabungen auszuleben, die sie haben; und ihre Fähigkeit zum Nutzen anderer einzubringen. Aber die Befriedigung, die dabei entsteht, ist nicht dafür da, das zu ersetzen, was wir durch die bedingungslose Liebe zu Jesus an Lebensgefühl haben. Wie wir unsere spezielle Berufung leben, hängt wesentlich davon ab, wie wir mit Jesus leben: ob gesetzlich oder eben aus Gnade – als nach Liebe Hungernde oder eben als Geliebte.

Die andere Frage aber, die viele Christen insbesondere aus dem charismatischen Lager umtreibt, ist: was ist denn meine Berufung?

Vielleicht lohnt der Blick ins evangelikale Lager. Da gibt es nämlich keine Propheten, die einem etwas über die eigene Berufung erzählen könnten – so was ist da eher verpönt. Da bleibt nur der Blick ins eigene Herz und wofür es schlägt, wofür es sich begeistert. In welche Richtung treiben einen die eigenen Begabungen und Fähigkeiten?

Und vielleicht hilft es auch, wenn unsere Träume von einem geistlichen Dienst nicht offensichtlich etwas Aufwertendes an sich haben; also unsere eigene Person bedeutender, wichtiger und wertvoller machen als sie jetzt schon ist. Ein Dienst als persönlicher Wertlieferant ist ne üble Sache – wie alles, was uns an Jesus vorbei Wert vermitteln soll.

In charismatischen Gottesdiensten kann man das sehr leicht beobachten – und zwar in dem Teil, wo das Mikro freigegeben wird für „prophetische Eindrücke“ und ähnliches: wer nach vorn geht, um ein „Wort vom Herrn“ weiterzugeben, kann manchmal einfach nicht verleugnen, daß darin eine Aufwertung der eigenen Person enthalten ist. Manchmal nimmt das eine charmante Form an, öfter auch eher eine unangenehme.

Und es gibt ein weiteres Problem – die Alternative zum „Dienst“. Viele Christen wissen einfach nicht, was sie statt dessen machen sollen, wie man Spaß haben kann und lebt. Und die Christen, die es wissen (und vermutlich in der Unterzahl sind), haben gar keine Lust darauf, daß ihnen ein „Dienst“ den Spaß am normalen Leben nimmt. Leben und Spaß haben sollte man aber dringend lernen – denn das ist auch eines der Dinge, die die Menschen lernen sollen, denen wir dienen.

Wenn also klar ist

  • unser „Dienst“ ist kein Wertlieferant für die eigene Person
  • wir wissen, wie man sich auch ohne „Dienst“ von Jesus geliebt und wertwoll fühlt
  • Dienst ist kein Ersatz für Leben und Spaß haben

dann bleibt noch die Frage nach dem Kontext, in dem wir dienen. Denn unsere „Gemeinden“ möchten oft alles Dienen dem „Gemeindebau“ (oder was sie dafür halten) nützlich machen, sprich: neue Gottesdienstbesucher und Zehntenzahler gewinnen. Das aber beschränkt unseren Wirkungsbereich.

Denn die absolut erste Priorität ist doch, daß Menschen Jesus kennenlernen. Und wenn sie ihn kennen, dann ist es nicht ihr Job, zweifelhafte „Gemeinden“ zu unterstützen, dort zweifelhafte Dinge zu lernen und seltsame Lehren zu verbreiten und komische Dinge zu tun.

Und ein Kennzeichen von Gemeinde“diensten“ ist eben, daß sich in die mit dem hohen Marktwert (sprich: viel Anerkennung) alle drängen (Musik, Lehre, Predigt, Seelsorge) – und die anderen niemand machen will. Und die wenigen, die sie machen wollen, sind total überlastet.

Du kannst den Umfang deines Dienstes selbst steuern. Auch wenn du sehr gut mit Kindern arbeiten kannst, mußt du das nicht mehr als einmal pro Woche oder pro Monat tun. Niemand kann dich dazu zwingen.

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  1. Hallo!
    Was mir nicht liegt, dazu kann mich keiner zwingen, denn offensichtlich bin ich dann auch nicht dazu berufen es zu tun.

    Auch keine Unsicherheit und Grübelei mehr, denn wenn Gott mir keine Möglichkeit zu einem bestimmten Handeln ermöglicht, dann bin ich auch nicht dazu berufen.

    Gott hat keinerlei Interesse daran, mich zu verbiegen, er wil mich so wie ich bin und eröffnet mir dem entsprechend die Möglichkeiten.
    Da wo ich bin, da soll ich auch sein und was ich von Herzen tue, ohne das meine Familie dafür die Quittung zahlen muss, ist genau das was ich tun soll.

    So ist eine Berufung weder Last noch Tummelplatz der Eitelkeiten.- Wie befreiend. – Und so gänzlich anders als das, was sogenannte geistige Menschen einem weis machen wollen.

    LG Ulli

  2. Ein sehr guter Artikel. Mich beschäftig das Thema in letzter Zeit intensiv. Ich bin in einem Prozess, dass Gott mir zeigt, wie wertvoll und geliebt ich auch ohne „offiziellen Gemeindedienst“ oder -zugehörigkeit bin. Ich habe lange Zeit einen großen Teil meines Selbstwertes aus dem Dienst gezogen.

    Dienst und Berufung hat m.M. nur sehr bedingt etwas mit Gemeinde zu tun. Ich kenne viel mehr Negativbeispiele von Menschen, die ihre Berufung zu 100% in der Gemeinde leben als positive. Besonders der vollzeitliche Dienst scheint einen sehr hohen Stellenwert zu haben, den ich so nicht sehen kann. Manchmal hat man das Gefühl, als ob Vollzeitler mehr im Glauben leben müssten als „normale“ Menschen. Außerdem verlieren diese Menschen oft den Bezug zur Realität, zu echten Menschen mit echten Emotionen und echten Problemen. Und das kann ich bei Jesus nicht sehen und möchte ich selbst auch nicht leben.
    Außerdem geht diese Überbetonung des Dienstes und der Berufung in der Gemeinde Hand in Hand mit einer extremen Abwertung des Alltags und der Menschen, die im Alltag begegnen. Der Alltag wird nur noch gesehen als eine Last, die man möglichst schnell hinter sich bringen muss, um für die Gemeinde/Berufung zu leben. Und dabei verpasst man genau das, was Gott einem geben will und was er sich von mir wünscht – eine Beziehung zu ihm, die das gesamte Leben durchdringt und aus der das Leben erwächst.

    Ein Beispiel aus meinem Leben:
    Einige „Berufungen“ ergeben sich von selbst in bestimmten Lebensphasen. Z.B. war es für mich eine Schlüsselerkenntnis, dass die Geburt meines ersten Kindes automatisch eine Berufung zum Vater war. Das Bewusstmachen dieser Berufung durch Gott hat große Auswirkung auf mein praktisches Leben gehabt und dazu geführt, dass ich Vaterschaft ganz anders leben kann und mich das Vater Sein viel stärker segnet und erfüllt. Gott zeigt mir durch mein Vater-Sein auch vieles von seiner Vaterschaft zu mir. Echt genial! Und ich kriege einfach mehr von meinen Kindern mit und sie von mir. Das ganze Leben wird dadurch verändert und aufgewertet.

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