Viele Menschen sehnen sich verständlicherweise nach Intensität, nach etwas Besonderem, das ihren oft grauen Alltag verzaubert, ihm etwas Außeralltägliches gibt.

Natürlich gibt es in der Bibel und auch im Neuen Testament eine Reihe von Aussagen und Berichten, daß Menschen mit viel Gefühl in ihre Beziehung zu Gott herangehen:

Phil 1,8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe Christi Jesu.

Christen deuten solche und andere Bibelstellen schnell als „Pflicht“, daß sie es genauso machen müßten. Also versuchen sie, anders zu fühlen bzw. ihre Gefühle zu manipulieren. Dabei treibt sie natürlich auch die Idee, es müsse toll sein, so intensiv zu fühlen wie die eine oder andere biblische Gestalt.

Es führt nun aber nur zu Künstlichkeit und Anstrengung, wenn wir diese Begeisterung oder emotionale Intensität einfach kopieren oder nachspielen wollen. Sehnen wir uns wirklich so nach Gott, wie wir behaupten? Brennen wir tatsächlich für die „Verlorenen“? Können wir es kaum erwarten, unsere Glaubensgeschwister wieder zu sehen?

Oder sehen wir uns vielmehr nach der Intensität, die diese (geliehenen?) Gefühle bei uns auslösen können?

Denn es ist ja vor allem die Frage, wem das Kopieren oder Nachspielen (oder „Ausleihen“) von Gefühlen eigentlich dient: nicht doch der Person, die kopiert und nachspielt und sich erfreut an der Emotionalität, die das eigene Leben intensiviert, verzaubert und irgendwie bedeutsamer macht? Und nicht nur das eigene Leben – auch die eigene Person. Und vielleicht auch die anderen beeindruckt, die vielleicht nicht so geübt daran sind, das Echte vom Künstlichen zu unterscheiden – oder ihrem Urteil darüber zu vertrauen.

Echte Emotionalität ist etwas Gutes – auch was Gott und Seine Angelegenheiten angeht. Aber unser Gefühl kann nicht in die Pflicht genommen werden: man kann ihm nicht vorschreiben, was es zu fühlen hat. Und wie stark diese Gefühle sind.

Natürlich können wir nur Sehnsucht nach Gott haben, weil sie in uns ist. Oder Sehnsucht nach einer Gemeinde, wie sie sein sollte (und meist nicht ist). Oder bedrückt darüber sein, daß Menschen Jesus nicht kennen. Wäre unser Gefühlsleben nicht grundsätzlich erneuert worden durch unsere Neu-Erschaffung bzw. Neue Geburt, wären uns diese Gefühle fremd.

Wenn wir anderen Menschen sagen, wie sie sich fühlen sollen – würde uns das (hoffentlich) wohl doch etwas seltsam vorkommen. Im Umgang mit sich selbst kennen viele Christen da wenig Skrupel: ihr Jesus liebt sie anscheinend nicht genug, um auch eine bedrückte Stimmung mit ihm zusammen aushalten zu können. Sie schreiben sich selbst vor, wie sie sich fühlen sollen – und wenn sie es nicht schaffen, verurteilen sie sich (womit sie sich natürlich noch weniger so fühlen, wie sie sich fühlen wollen).

Wir fühlen, was wir fühlen. Es ist nicht unser Job, es wegzudrücken. Auch nicht mittels „Begeisterung für Gott“ oder „Sehnsucht nach Seiner Gegenwart“ oder einem „missionarischen Drang“. Damit mißbrauchen wir Gefühle, die zwar Teil unserer Neuen Natur sind – aber nie dazu gedacht waren, damit wir „positiver“ fühlen.

Unsere Gefühle sagen uns etwas über unsere Situation. Und dann muß unsere Situation verändert werden – nicht unsere Gefühle über die Situation. Wenn die Situation schlecht ist, werden unsere Gefühle das oft widerspiegeln. Wenn grundlegende Bedürfnisse nicht erfüllt sind, ist unsere Situation eben nun mal keine Gute.

Gott ist mit uns, wenn wir unsere Situation ändern wollen (selbst wenn wir es am Ende nicht schaffen oder nur teilweise). Aber Er motiviert uns nicht, unsere Situation „anders“ zu sehen – was nämlich eigentlich heißt, daß wir uns selbst belügen.

Wer sich um jeden Preis nicht schlecht fühlen will – kann sich über kurz oder lang in ernsthafte Probleme bringen.

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