… und wahrer Gott.

Dass Jesus Gott ist, wird meist nicht in Frage gestellt – aber ob er ein echter Mensch war, doch öfter mal.

Halten wir deshalb mal ein paar Fakten über ihn fest, was seine Zeit auf diesem Planeten angeht:

  • Jesus hat alle lieb; aber manche mochte er besonders 😉 … Lazarus etwa oder seinen Jünger Johannes
  • Jesus mochte Partys und wurde als „Weinsäufer“ diffamiert ( Lk 7,34 )
  • vermutlich hat er auch getanzt (das war so üblich auf den damaligen Partys)
  • er konnte sich ärgern und zornig werden
  • er hatte einen Selbsterhaltungstrieb und deshalb auch einen echten Kampf in Gethsemane
  • er war versuchbar (auch wenn er nie nachgegeben hat, Hebr 4,15 )
  • deshalb war er auch grundsätzlich fähig zu sündigen – auch wenn er es nie getan hat (Achtung! das bedeutet nicht, dass er eine sündige Natur gehabt hätte!)
  • er war kein geistlicher Supermann, sondern sein Gehorsam war umkämpft und ging ihm nicht immer leicht von der Hand ( Hebr 5,8 )
  • in seinem Fleisch wohnte zwar nicht die Sünde (so wie in unserem), aber sein Fleisch bzw. seine Natürlichkeit war genauso schwach wie unseres
  • er war der erste Neue Mensch: mit einem lebendigen Geist und einem schwachen Fleisch – so wie wir
  • er steuerte also nicht irgendeinen Körper fern (wie ein Geist in einem schlechten Horrorfilm), sondern war mit dem Mensch-Sein 1:1 konfrontiert
  • er weiß, wie es ist, sich mit den seltsamen Charaktereigenschaften von Menschen herumschlagen zu müssen 😉
  • er hatte eine Herkunftsfamilie, mit der es so einige Spannungen gab

Kurz und gut: er weiß also, wie wir uns fühlen 😉

 

Siehe dazu jetzt auch die Ausarbeitung von Michael Trenkel: http://www.michael-trenkel.de/docs/In_Gleichheit_des_Fleisches_MT.pdf

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  1. Kennt ihr dieses hübsche Weihnachslied schon?

    Jenseits von Kitsch…
    Für manche vielleicht bißchen krass….gefällt mir aber trotzdem 😉
    …nur aus der richtigen Perspektive hören!

    • Ich finde es super, super, super…..Der Text ist einfach ehrlich und berührt mich doch sehr. Er spricht das aus, was ich auch fühle. Danke!
      glg
      Heike

  2. M.E. alles Wichtige kurz und knapp getroffen!

    Wenn man das NT liest, bemerkt man: Jesus war nicht der rein überirdische Retter, der cool, aus einer himmlischen Sphäre heraus, den Auftrag Gottes erfüllte: Er war stark emotional beteiligt (seine menschliche Seite!). Er weiß z.B., dass er Lazarus erwecken wird, aber die Trauer seiner Freunde rührt ihn so, er muss selbst weinen (Joh 11). Das Schicksal des Aussätzigen „rührte ihn an“ (Mk1), die Menschen, die zu ihm kamen und verzweifelt auf seine Hilfe hofften „jammerten ihn“ (Mk 6) usw. Selbst, auf dem Weg nach Golgatha (!), betrauerte er noch die Frauen Jerusalems: Es sei besser, keine Kinder in die Welt zu setzen, denn das prophezeite Gericht werde bald kommen. (Lk23)

    Oft erscheint Jesus sogar als rein menschlicher, freundschaftlicher Retter, durch den die Gnade Gottes – in persönlicher Begegnung – wirksam ist. Persönliche menschliche Begegnung heißt: jenseits der Religion und der anerkannten Glaubensgesetze. Einige Beispiele: Jesus ist so erfreut über den „Glauben“ an seine Fähigkeit zu heilen, den „Glauben“ an seine Nächstenliebe, den der Gichtbrüchige und seine Freunde zeigen. Er heilt ihn nicht nur, sondern vergibt ihm auch mit göttlicher Vollmacht alle Schuld – ohne irgendein Schuldbekenntnis, ja nicht einmal auf eine Bitte hin! Eigentlich ein theologisch-religiöser Skandal! (Mk 2) Unglaublich ist auch, dass Jesus im NT nur 2 Menschen einen wirklich „großen Glauben“ zuschreibt – keinem Apostel, sondern ausgerechnet: der kanaanäischen Frau und dem Zenturion („Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden“)! Beide waren Heiden aus verfluchten Völkern, sie kannten wohl nicht einmal die 10 Gebote. Sie waren keine Anhänger Jesu. Sie spürten wohl nur in der persönlichen, menschlichen Begegnung mit Jesus dessen Geist, seine Nächstenliebe und wussten instinktiv: Da ist eine himmlische Kraft zu heilen. (Mat 8; Mat 15).

    Jesus als Partydancer? Einige glauben, dass selbst das Letzte Abendmahl einen Partyabschluss mit Gesang und Tanz hatte, um sich Mut zu machen: das „Loblied“, das er und seine Jünger (laut Mt 26,30 und Mk 14,26) gesungen (und getanzt) haben. Es endet mit Psalm 118, Lyrics sinngemäß: Alles Unglück wird vergehen, aber die Gnade Gottes bleibt ewig bestehen. Gott der Herr bringt Hilfe…

  3. Hab was Interessantes vergessen (wenn ihr es eh nicht schon wisst)! Wir vergessen allzu leicht die altorientalische Kultur des Judentums, aus der Jesus stammt.
    Bei Jesus gehörte Party/Tanz laut NT eigentlich zum Programm: Der Gute Hirte zieht durch die Dörfer, findet die verlorenen Schafe – und feiert mit seinen Freunden eine Party. Im „Haus des Vaters“ findet für den verlorenen Sohn eine Party statt.
    Überhaupt galt der Messias ja als die Erfüllung der meist ausgelassenen jüdischen Feste, die auf ihn verweisen. Jesus selbst z.B. bezeichnete sich z.B. als der Spirit/Geist des Laubhüttenfests (heute noch in Israel riesen Party) usw. Bei der (altorientalischen) Hochzeit rettet er sogar die Party: Alle sind schon betrunken und er setzt den besten Wein noch obendrauf.
    (vgl. z.B. König David als Musiker/Sänger/Tänzer)

    • Ohne „schwaches“ Fleisch wäre Jesus nicht „versuchbar“ gewesen … und er hätte keine Ahnung, wie das Leben für uns ist … und er hätte nicht aus Glauben leben müssen, sondern hätte sich auf sein „starkes“ Fleisch verlassen können …

      Hebr 4,15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist, doch ohne Sünde.

  4. Jesus – wahrer Mensch… wahrer Gott !
    (Zur „uinversal-menschlichen“ Poesie der Gnade Jesu);

    (Hab noch was im Computer ! Vielleicht für euch etwas Interesssantes dabei? löschen no Problem !)

    Allgemein versucht ja die Theologie das Mysterium Jesu dadurch zu entschlüsseln, dass man Jesus in seinen „Einzelteilen“ analysiert: Hier der einfache Mensch, da der gebietende Gott ! Doch war der biblische Ausgangspunkt von der Paradieserzählung her nicht ein anderer ?! Dort wird doch festgehalten, dass sich in der einfachsten, noch von besonderer Kultur unverbildeten Menschlichkeit das Mysterium der Göttlichkeit offenbart („Gottebenbildlichkeit“)?! Folglich sollte man doch eher nach der einfachen Menschlichkeit Jesu fragen, die jenseits aller irdischer Bildung, Kultur, Nation und Religion auf jeden Menschen als Bruder, szs. als sein „Ebenbild“ (und damit als das Ebenbild Gottes), zuging und so den ursprünglichen Willen Gottes wieder herstellte.

    Hier scheint doch eher die historische Einmaligkeit Jesu zu liegen: Er und Johannes der Täufer waren äußerst einfache Menschen, keine großen, hochgebildeten Dichter, Philosophen oder Staatsmänner, die ihre einfachen Mitmenschen auf Abstand hielten. Sie wurden sogar von vielen als ungebildete Vagabunden gesehen und zeigten sich bewusst skeptisch der verfeinerten Kultur gegenüber, szs nach dem Motto: „ Das meiste, was als höhere, besondere Kultur/Zivilisation/Religion gepriesen wird, ist auf Sand gebaut !“ Überhaupt enthält z.B. die Bildsprache Jesu vom Wein eine verborgene Kritik am kulturellen Hochmut. Er deutet das archetypische Symbol der verfeinerten Kultur einfach um: Der wahre himmlsche Wein ist die Leben gebende gnädige Liebe Gottes und nicht die besondere Feinheit der menschlichen Kulturerzeugnisse usw. Und so erscheint Jesus – der Menschensohn – nicht als exklusiver Stifter einer besondern Kultur, Religion, Bildung – szs. einer gebildeteren, feineren Menschheit – sondern vielmehr als jemand, der wahre, ursprüngliche Menschlichkeit, Brüderlichkeit und damit Göttlichkeit jenseites all dieser irdischen Gegensätze lebte, szs nach dem Motto von Lessings Nathan: „Ah, wenn ich einen mehr in euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen!“

    Und so wie Jesus in seinem Zugehen auf Menschen einfachste, universale, Grenzen überwindende Menschlichkeit zeigte, so zeigt das NT in seiner Bildsprache einfachste poetisch-religiöse Bilder, die in jeder menschlichen Zivilisation/Religion Anknüpfungspunkte finden und so die allgemeine „Babylonische Sprachverwirrung“ überwinden.

    Ein Beispiel: So weiß man heute, dass wohl jede alte menschliche Zivilisation die Sterne und den Himmel poetisch-religiös verklärte: Selbst der große Caesar träumte davon, aufgrund seiner guten Werke als Stern im Himmel verklärt zu werden und so Ewigkeit zu erlangen, ebenso die Pharaonen, die mit ihren Bauwerken für sich und ihr Volk einen Platz in den Sternen, in der Ewigkeit, sichern wollten usw. Vgl. selbst die babylonischen Magier im NT, die die Himmel beobachteten, um Zeichen einer überirdischen Gnade zu finden usw. Und so zeigt das NT eigentlich das poetische Urbild der menschlichen Hoffnung auf göttliche Gnade: Ein Stern des ewig heiteren Himmels verlässt seinen ewigen Glanz beim Vater und seinen blinkenden Brüdern und mischt sich in das Elend der Welt, um die gefallene Welt zu heilen und in den Himmel zu erheben. Er schenkt den in der Fremde, Finsternis, Sünde verlorenen irdischen Brüdern einen Platz als ewige Sterne im Himmelshaus des Vaters…

    Das ist ein universal-meschliches, poetisch-religiöses Bild, das sich selbst bei dem heute in Verruf geratenen Islam bei religiösen Dichtern findet, z.B. Rumi (um 1250, größter Dichter des Islam), der bei der Betrachtung des Himmels und der Sterne als „verlorener irdischer Sohn“ z.B. dieses Gedicht schrieb: „Glücklich preis‘ ich euch, ihr Brüder, die ihr unvertrieben / In des ew’gen Vaters Hause seid daheim geblieben / Um den Thron des Vaters stehend, sonnend euch an seinem / Angesichte, seht ihr kreisen um euch Himmel sieben / Mich hat er herausgewiesen, daß ich in der Fremde / Meine Heimat lern‘ erkennen, und den Vater lieben / An den dunklen Grund gefallen, lieg‘ ich Stern des Himmels…“ Wie bei Jesus (z.B. Mt. 6) sind für ihn die Urbilder für den richtigen Glauben die „Vögel des Himmels“, die nach oben zum gnädigen Vater streben und die Blumen, die sich der himmlischen Gnade öffnen, die es über Gut und Böse regnen lässt: „Wenn die Lerch‘ auf Sonnenstrahlen aufwärts steiget, wähn‘ ich Immer, daß auch meine Seele müsse Fitt’ge schieben. In den Boden eingewurzelt bin ich Strauch der Rose, Und von Morgentau begossen, bin ich fest beklieben. / Doch die Seele strebt nach oben, und dem Licht des Himmels öffnen sehnsuchtsvolle Knospen sich mit allen Trieben…“ Wie Jesus spricht er vom Vater allgemein als dem (Wein-) Gärtner – dem Hüter des Paradiesgartens – und sieht den Tod für den Glaubenden nur als „Verpflanzung“ in das himmlische Paradies, denn dann: „Wird mein Gärtner mich verpflanzen in den Heimatgarten, / Dort, wohin von Ewigkeit ich schon bin eingeschrieben. / Meine blüh’nde Brüder droben! bittet ihn, den Alten, / Daß er die Verpflanzungsstunde wolle nicht verschieben…“
    Und so wundert es nicht, dass der Wahlspruch dieses bedeutendsten Dichters einer war, der in seiner Poesie irgendwie an das Urbild der Gnade Jesu erinnert: „Trink‘ aus dem Becher der geweihten Liebe / Den Wein der Ewigkeit mit reinem Munde, / Denn sein Berauschen sind verliebte Triebe, / Und Höhe liegt in seinem tiefsten Grunde…“ usw.

  5. auch das ist hochinteressant und eine Bereicherung hier.
    Besonders das mit dem „Berauschen“ im letzten Absatz mag manchen etwas befremdlich vorkommen, dennoch es ist biblisch, sagt doch die Schrift den Israeliten, sie dürfen „Rauschtrank“ zun Ihrem Vergnügen zu sich nehmen, wenn das zur Ehre Gottes geschieht. Und Jesus hat Wasser zu Wein gemacht. Es war kein Traubensaft wie es manche gerne sehen wollen.

  6. Jesus – wahrer Mensch, wahre menschliche Religiosität/Spiritualität

    Löschen no problem ! Ist viel zu lang ! Hab ich mal versucht: Das ist eine Skizze, wie dt. klassische Dichter wohl Jesus als Mensch gedeutet haben, ist nicht unbedingt theologisch; vielleicht aber für euch was Interessantes zum Durchlesen dabei…)

    Wenn man nach dem Menschen Jesus fragt, dann tritt eine Frage in den Vordergrund, die sich auch viele Dichter (Künstler) stellten – es ist ja deren Beruf, andere Menschen geistig nachzuempfinden: die Frage nach der ursprünglichen „Religion Christi“. Unter diesem Schlagwort diskutierten laut Literaturwissenschaft die klassischen deutschen Dichter/Denker wie Herder, Lessing, Goethe, Schiller, Hölderlin usw. die Religiosität/Spiritualität Jesu (als Mensch). Hierbei gingen sie wohl von einem verborgenen, schwer zu fassenden Gegensatz aus: „christliche Religion“ vs „Religion Christi“. Unter ersterem verstanden sie die tradierte, theologisch begründete Religion: die nachträgliche Verehrung der besonderen Göttlichkeit Jesu, die sich auf den heiligen Buchstaben der Schrift stützt und aus deren Worten dann Regeln zur Verehrung Christi – zum moralisch richtigen, besonderen „christlichen Leben“ – gewonnen werden. Hiervon versuchten die Dichter und Denker die natürliche „Religion Christi“ abzugrenzen. Denn Jesus als „Menschensohn“ hat sich ja nicht schon selbst – seine Göttlichkeit – religiös verehrt, wie z.B. seine Standardsätze „Gott hat dir geholfen“, „Allein Gott ist gut“ usw. zeigen. Auch hat er z.B. nicht schon sein Kreuz, sein Leiden angebetet und dogmatisch gedeutet, oder seine eigenen Worte als besondere göttliche Gesetze, die bis in den Buchstaben eindeutig sind, ausgelegt usw. Kurzum: Er kannte noch keine „christliche Religion“, sondern lebte einfachen den Geist seiner natürlichen, persönlichen Spiritualität vor, versuchte ihn sichtbar, erfahrbar, zu machen…

    Also haben wir auch hier im Kern einen Gegensatz von Buchstaben/Worten vs lebendigen Geist: Die organisierte, sich nach außen abgrenzende besondere „christliche Religion“ als notwendiger Weise stark am einzelnen, besonderen Buchstaben/Wort und an der besonderen Heiligkeit der Person Christi, orientiert VS die „Religion Christi“ als die unmittelbare, allgmein-menschlich vorbildliche, natürliche Spiritualität Jesu, die sich in seiner Verehrung des von ihm erfahrenen himmlischen Vaters geistig entfaltete. Denn Jesus als Mensch lebte nicht aus dem Glauben an eine besondere christliche oder jüdische Religion, sondern – laut eigenen Worten – aus dem Glauben an den in ihm wohnenden himmlisch-gnädigen Vater – eben jenseits aller besonderer Religion. Ein allliebender Vater, der in jedem Menschen, ganz gleich welcher Religion, Rasse, Kultur wohnen will und wohnt, wenn er nicht eigens (sogar oft durch besondere Religion) abgewiesen wird: „mein Vater und euer Vater, mein Gott und euer Gott…“ Joh 20 u.a.) Und nur so konnte er als Vollender und Ziel der jüdischen Spiritualität überhaupt sagen: Geht zu meinen (geistigen) Brüdern in den anderen Religionen,Völkern, Nationen und verkündet die „Frohe Botschaft“. Und nur so konnte z.B. ein antiker freier Grieche, der naiv an universale Brüderlichkeit, Gastfreundschaft freier Menschen, den einen höchsten, gütigen Himmelsvater Zeus glaubte (vgl. z.B. die Überzeugungen Platons, Sokrates !?) die Frohe Botschaft Jesu freudig aufnehmen, weil er ja im Kern die Spiritualität Jesu teilt, der Vater im Kern auch schon in ihm als Same wohnt und lebt.

    Übrigens: Dies scheint dann auch einer der Gründe, warum dann viele dieser „klassischen“, christlich geprägten Dichter/Denker ihre Werke im antiken Griechenland verankerten und vor dieser Kulisse freier, heldischer, demokratischer, kirchlich-religiös ungebundener Menschen ihre Spiritualität ausdrückten (z.B. Schiller, Hölderlin). Ein Gedicht wie Goethes „Ganymed“, welches von der Erfahrung eines allliebenden, gnädig entgegenkommenden, göttlichen Vaters, der sich in der paradiesischen Natur zeigt und seinen freien Helden jenseits aller organisierter Religion vorbehaltlos retten und zu sich ziehen will, konnte damals unter strenger, dogmatischer „christlicher Religion“ nur im antiken Griechenland angesiedelt werden…

    Hier stellt sich nun die Frage: Welche Grundzüge einer „Religion Christi“, einer vorbildlichen allgemein-menschlichen Spiritualität Jesu, lassen sich im NT geistig nachempfinden? Wie und wo begegnete und verehrte Jesus (als Mensch) Gott? usw.
    Einige grundlegende Beispiele: Auf den ersten Blick fällt wohl auf: Jesus selbst suchte in seiner Spiritualität den Kontakt mit dem Vater nicht so sehr durch das Studium der heiligen Schriften – er vertraute vielmehr auf die Stimme des Vaters, das „Angesicht Gottes“ in ihm (z.B. „Was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat.. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben…“ Joh 10/12) Er lebte also intensiv einen persönlichen Gottesbezug, weit entfernt von biblisch-religöser Gelehrsamkeit, religiösen Lehrern und Autoritäten. Und so folgte er nicht einem Weg, der von religiös-kulturellen, gesellschaftlichen Instanzen allgemein erwartet bzw. vorgegeben wurde, sondern ging einen radikal individuellen Weg, der ihm persönlich von Gott als sein richtiger, persönlicher gezeigt wurde (vgl. z.B. „Ich nehme nicht Ehre von Menschen an…“ Joh 5) Und so scheint die Aufforderung, seinem Weg zu folgen – geistig verstanden ! – nicht, ihn platt zu kopieren, sondern den eigenen individuellen Weg im Gespräch mit dem gnädigen Vater zu suchen. Überhaupt scheint er Glaube, Religiosität, Spiritualität im Kern als Privatsache angesehen zu haben: Er zog sich zum einsamen Beten an entlegene Orte zurück, empfahl den Jüngern bei „verschlossener Kammer“, im Verborgenen zu beten usw. Und als Zeichen seiner Spiritualität lebte er eine extreme Naturverbundenheit: Er übernachtete meist im Freien abseits der Städte, stieg auf Berge, um Gott nahe zu sein, suchte vor der Passion Trost im einsamen, mondhellen Garten usw. Hier entfaltet sich der Geist einer Spiritualität, die man heute wohl eher als „dichterisch-pantheistisch“ bezeichnen würde: Gottes eigentlicher Tempel ist die Natur, der „Himmel sein Thron, die Erde sein Schemel“. Fast hat man den Eindruck als hätte Jesus die wichtigsten Bilder seiner Lehre mit dichterischer Einfühlsamkeit dem verborgenen Wirken Gottes in der Natur abgelauscht, wie: vom Regen als Segen Gottes, der Gut und Böse gleichermaßen betrifft; vom blumenhaft sorglosen Leben, das auf die Gnade Gottes vertraut;oder vom Wehen des Windes als vom Wehen des Geistes Gottes, der für die Menschen unergründlich bleibt, aber gnädig Lebensatem gibt…

    Dieser intensive Bezug zur unverbildeten, einfachen Natur und zum einfachen Leben abseits der Gesellschaft, ihrer Zwänge, Normen, Autoritäten und Hierarchien, geht einher mit seiner Liebe und Bewunderung für die Kinder. Diese stehen ja in ihrer Einfachheit und Unverbildetheit noch außerhalb des Lebenskampfs der Erwachsenen, des stolzen Vielwissens, der Eitelkeiten, des Machtdenkens. Kinder haben nichts – kein besonderes Wissen, keinen besonderen Reichtum – mit dem sie sich vor der Gesellschaft und vor Gott rühmen, auszeichnen könnten. Sie, als „Unmündige“, „Niedrige“, „Schwache“ leben im bloßen Vertrauen auf väterliche Gnade und Schutz. Aber genau damit befinden sie sich nach Jesus bereits auf dem engen Weg durch das „Nadelöhr“ in das Reich des ewigen Vaters ! Und Paulus fasst dies so zusammen: „das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott (1 Kor 1). Hier zeigt sich auch ein weiterer Grundzug der Spiritualität Jesu – eine starke Weltverneinung: Die Gesetze irdischer Größe, des irdischen Erfolgs sind nicht die Gesetze Gottes. Er vertritt die Überzeugung, dass der tägliche Überlebenskampf, der Kampf um die „besten Weideplätze“ die Seele des Menschen notwenig korrumpiert und von Gott entfernt. Darau rührt auch sein Glaube, dass die, die in diesem Überlebenskampf scheitern – ja sogar verzweifelt moralisch scheitern – und vor der Welt erniedrigt werden, im Kern – also vor Gott – nicht die letzten sein müssen, denn viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein“ und „wer sich selbst erhöht wird erniedrigt werden“ usw. Aus dieser Weltverneinung entsteht die starke Sehnsucht nach der eigentlichen seelischen Heimat, dem Zusammensein mit dem Vater im „Himmelshaus des Vaters“, die sein irdisches Leben bestimmte und die ihm seinen grausamen Tod letztlich als nicht so schwer erscheinen ließ: „Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe…“ (Joh 14) Er rät den Jüngern, aus dieser von ihm gezeigten Sehnsucht nach dem Himmelsreich, heraus zu leben, nicht im Streben nach irdischem Erfolg: „Sucht aber zuerst das Reich Gottes…“, „sucht den Schatz im Himmel, verankert dort euer Herz“ usw.
    (Man könnte noch einige Punkte aufzählen !)

    Es scheint nun so: Dichter wie Goethe z.B. im „Werther“, mit starken direket-christlichen Bezügen („Jesus, der Lehrer der Menschen“), Dichter wie der in der Jugend tief christlich geprägte Hölderlin z.B. im „Hyperion“ (im Gewand der Liebesphilosophie Platons), aber auch allgemein Lessing, versuchten diese freie, urspr. Spiritualität nachzuempfinden, nachzudichten: die „Religion Christi“. Sie dichteten individualistische Außenseiter-Helden, die in der Schönheit der Natur die Gnade Gottes, des allliebenden Vaters, erfahren und suchen. Sie stehen der erfolgshungrigen Gesellschaft mit ihrem Pharisäertum (ihrer Buchstaben-Moral), ihrem Gesetzesglauben sehr skeptisch gegenüber und schätzen freie Liebe, brüderliche Freundschaft wesentlich höher. Die Helden lieben die Armen, die Kindern und sie haben Mitleid mit den Verlorenen und Gescheiterten der Gesellschaft. Ihre Weltverneinung geht sogar weit, dass sie sogar mit dem Gedanken an Selbstmord spielen, um zum Vater, zur Göttlichkeit, zu gelangen. Gott erfahren sie nicht in der Kirche, der organisierten Religion, sondern im brüderlich-“dioskurischen“, ewigen Freudschaftsbund (vgl z.B. Hölderlin: Erlösung der Welt, der Völker durch den ewigen „Bund der Freundschaft“) a la Schillers „Ode an die Freude“ usw. (Es lassen sich noch viele andere Punke aufzählen)

  7. Jesus, der sich rechtfertigende Mensch, der verfolgte „Freund der Sünder“
    (Hab mal für mich versucht Jesu Verteidigung (laientheologisch-polemisch) zszufassen, warum er als Mensch, schweren Sündern vergab und freundschaftlichen Umgang mit ihnen hatte; löschen no pro ! steht alles schon bei euch irgendwo !?)

    Allgemein lesen wir die Worte Jesu aus der Perspektive einer „ecclesia triumphans“, als triumphierende göttliche moralische Wahrheiten und Regeln, vor denen wir als sündige Menschen verstummen müssen. Und irgendwie fühlen wir uns dann bei Jesu Worten und Taten unter Anklage, weil wir ihnen offensichtlich so wenig gerecht werden. Ist diese Perspektive aber richtig ?! Denn dabei wird vergessen: Die Rolle des Anklägers kommt doch in der Bibel jemand anderem zu ?! Und hinzu kommt noch: Jesus, als Mensch, stand selbst immer unter strengster Gesetzes-Anklage, war szs. „always wanted by the law“ ! Demnach müssten doch die meisten seiner Worte und Reden nicht als moralische Anklage zu lesen sein, sondern eher als Verteidigung von sich und seinen Anhängern !? Hatten nicht die Propheten, wie Jesaja, angekündigt, dass die „Gnade und Wahrheit Gottes“ – der Messias – eben gerade nicht als Ankläger in die Welt kommen würde, sondern selbst als Angeklagter, als der „ Allerverachtetste und Unwerteste“, als vermeintlich „Gottloser und Übeltäter“, als vermeintlich „leprös-sündig Kranker“ ?! (Jes 53) Die „Wahrheit und Gnade“ Gottes sollte doch selbst als „Armer“ in die Welt kommen, als jemand, der scheinbar vor Gott nichts vorzuweisen hat – eben um zu zeigen, „Gott verbirgt sein Antlitz nicht vor dem Elenden und dem Armen“ (Ps 22) !? Die „Wahrheit und Gnade“ Gottes sollte doch als „Freund von Sündern“ kommen, der eben nicht selbst ernannte, kämpferische „Gesetzes-Gerechte“, Erfolgreiche, zum gemeinsamen Freundschaftsmahl ruft, sondern verlorene, arm-lepröse Sünder zu einem neuen Bund der Gnade !? usw. Folglich müsste man die Worte Jesu (aber auch die Worte des Paulus) viel stärker als Verteidigungs-Reden in eigener Sache lesen und nicht als strenge moralisch-anklägerische Predigten – also im Geist der Gnade und nicht der Anklage !?

    Beispiel Bergpredigt, polemisch gelesen im Geist der Verteidigung, Rechtfertigung, Gnade: Jesus verteidigt sich hier gegen die ständige Anklage der Pharisäer, er zeige mangelnde Gesetzestreue, sei ein Gesetzloser – eben ein „Freund der Sünder“. Er sei vielmehr gekommen, um das Gesetz, die Heiligkeit Gottes, wahrhaft – in einem neuen Bund – zu erfüllen. Jesu Rechtfertigung dreht sich dabei um folgende Punkte, sinngemäß: Es gehe ihm und seinen Anhängern um eine höhere, weit größere Gerechtigkeit, als die, die die verurteilenden Schriftgelehrten im Buchstaben, im richtenden Gesetz feststellen können: um die perfekte, gnädige Liebe des Himmelreichs. Vor ihr ist selbst der offiziell gerechteste, gesetzestreueste, gelehrteste Schriftgelehrte ein ungebildeter armer, verlorener, lepröser Sünder: ein blinder Blindenführer ! Selig sind die, die das – den sie blind machenden Balken im Auge – erkennen und nicht selbstgerecht irdisch über andere richten. Und so spricht er als Verteidiger seiner Jünger, die als eine gesetzlich ungebildete galiläische Sünderbande galten, als „verfluchtes Volk, das vom Gesetz nichts weiß“ (Joh 7): Selig sind wir, die wir als sündig, arm und unwissend vor Gott gelten und uns auch dafür halten – die wir als verlorene Sünder allein auf unverdiente Gnade Gottes setzen. Im Buchstaben des Gesetzes steht „Du sollst nicht töten“, aber vor der heiligen Liebe Gottes tötet sogar schon derjenige, der seinem Nächsten auch nur zürnt. Im Gesetz steht „Du sollst nicht die Ehe brechen“, aber vor der Heiligkeit Gottes, der göttlich-perfekten Liebe, hast du deine Liebe schon ehebrecherisch verraten, wenn du auch nur einer anderen Frau hinterherschaust usw. Also, du höllisch sündiger, leprakranker Mensch, du lebender Toter, gefangen im „Leib des Todes“, du wirst niemals durch deine menschlichen Taten, deine Werke der Heiligkeit Gottes würdig: Kannst du dir wirklich dein sündiges Auge, dein leprös-bösartiges schwaches, krankes Fleisch einfach so herausreißen, um vor Gott zu bestehen ? Du müsstest dich als Mensch selbst töten, um dein sündiges, bösartiges Fleisch wirklich zu besiegen ! Also du Pharisäer, du wirfst einen Stein auf einen vermeintlichen Sünder und triffst dabei in der Wahrheit Gottes immer nur dich selbst !usw. Wie du dich nämlich auch als Mensch stellst, du kannst niemals der Heiligkeit Gottes gerecht werden, du bist und bleibst ein tödlich verlorener-lepröser Sünder. Auch kein Kampf für das Gesetz und eine selbstgerechte Verurteilung von weniger im Gesetz Erfolgreichen können dich da retten, dich über andere erhöhen: Du richtest als sündiger Mensch immer über dich selbst – ein tödlich ansteckend Kranker über einen tödlich ansteckend Kranken ! Also schließe Frieden mit deinem Gegner, den du verurteilt sehen willst, solang du noch auf dem Weg zum Gericht bist, damit du nicht selbst im Gefängnis landest. Du musst umkehren und als verlorener Sünder allein auf die umfassende, unverdiente Gnade des unerreichbar perfekten, himmlischen Vaters setzen, denn nur dieser ist in der Lage, selbst seine Feinde zu lieben und über menschlich Böse, Verlorene den Leben gebenden Himmels-Regen-Segen zu spenden. Deine Antwort sei also ein klares „Ja“ zum Bund der Gnade. Denn ein zerbrochenes, geängstetes, zerschlagenes, demütiges armes Sünderherz verschmäht Gott nicht. Denen, die wie verdorrtes, dem Tode nahes Land nach seiner Gnade, seiner Gerechtigkeit dürsten, schenkt er das Wasser des Lebens unverdient umsont. Denen, die sein Reich, seine Gerechtigkeit suchen und demütig erkennen, dass sie als irdisch Verlorene niemals den Sternen-Himmel aus eigener Kraft, eigenen Werken erreichen können, gewährt er unverdient umsonst Zugang. Denen, die demütig wissen: „Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?!, haben ein Herz, das Gott gefällt usw.
    Hieraus wird wohl deutlich: Jesus versuchte das alte Gesetz zu überwinden und einen neuen Gnaden-Bund zu stiften, indem er zeigte, dass das Gesetz niemals der wahren Heiligkeit, Herrlichkeit und Gnade Gottes wirklich gerecht werden kann. Der Mensch bleibt vor Gott jenseits aller Werke des Gesetzes immer ein tödlich verlorener, leprös-kranker, andere ansteckender Sünder. Vor allem muss er sich bewusst sein, dass er im Kampf für das Gesetz immer auch richtet und damit in der Wahrheit Gottes auch immer sich selbst als sündigen Menschen mitverurteilt: ein tödlich Verlorener richtet dann in der blinden irdischen Finsternis einen tödlich Verlorenen ! Er kann also auf diesem Weg niemals zu echter Gerechtigkeit und gnädiger Heiligkeit gelangen. Ähnliches sagte dann übrigens auch Ex-Pharisäer Paulus, der feststellt, dass das Gesetz eben nicht die ewige Herrlichkeit Gottes, seinen wahren Charakter zeige, sondern nur eine irdische, vergängliche, letzendlich tödliche richtende Herrlichkeit (2Kor3). Und Ähnliches dachte wohl auch Petrus, der erste Jünger, als er sich Jesus anschloss: Nicht die vermeintlich Gesunden, Starken brauchen einen Arzt – also die Gande Jesu – sondern die Kranken, Verlorenen ! Wie ein verlorener ansteckender Lepra-Kranker fiel Petrus vor Jesus, der verspürten göttlichen Heiligkeit, auf die Füße und warnte als irdischer Sünder seinen himmlischen Freund: „Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch…!“ – und folgte ihm dann im neuen Bund der Gnade nach… (Lk 7)

  8. hallo, Ron, das mit der ecclesia triumphans, Perspektive einer „ecclesia triumphans“, als triumphierende göttliche moralische Wahrheiten und Regeln, ist aber schon etwas riskant hier.

    Dieser und mit ihm einhergehende Begriffe sind reinste katholische Theologie. Prüfe das bitte. Spätestens, wenn man erkennt, dass es sich um lateinische Begriffe handelt, muß man hellhörig werden.

    Aber es ist natürlich engagiert von Dir, dass und was Du eigentlich aufzeigen willst, die herrliche Gnade/Liebe Gottes – und seines Sohnes – der/die uns frei machen von der Sünde iSv. der Schuldschein hängt nun am Kreuz, es ist vollbracht etc.

    Nun aber kein weiteres Wort mehr von mir, sonst sind wir gleich wieder bei der Laientheologie mit OSAS und EGIG.

  9. Jesus und seine Anhänger als wahre, also vor Gott sündige, verlorene Menschen !
    (Viel zu lange Zsfassung von mir, als ich mich mal aufgeregt hab, wie heilig-gebotstreu, „autoritativ“ das NT ausgelegt wird ! Könnte euch gefallen !? Löschen no pro !)

    Wie schon gesagt, wir lesen die Evangelien, die Worte des Paulus etc. heute allgemein als würdigste moralische, heilige Autorität, als mahnende Worte, nach denen wir als sündige Menschen gerichtet werden. Doch dabei vergessen wir leicht: Die Anhänger Jesu kannten wohl noch nicht einen derart „staatskirchlich“ anmutenden, streng heilig moralisierenden Standpunkt ! Sie schrieben ihre Worte als sündig Verfolgte, als in den Augen der Welt vermeintlich gesetzlos-amoralische, vor Gott unwürdige Sünderbande – also im Prinzip zur Verteidigung des vor Gott auf Gnade hoffenden, unwürdigen Sünders !? Folglich sollte man eher versuchen, in den Evangelien diesen grundlegenden Geist der Vergebung, der Verteidigung des verlorenen Sünders herauszuarbeiten, als aus einzelnen Worten/Buchstaben moralische Grundsätze festzuschreiben. Hier einige Beispiele, wie im Geist konsequenter Gnade manche Aussagen, Episoden und Personen in einem anderen Licht erscheinen.

    Johannes der Täufer – vermeintlich ein eisern-heiliger, zornig drohender Umkehr/Bußprediger…

    Irgendwie hat sich dieses unsympathische, angsteinflößende Bild des Täufers allgemein festgesetzt. Ein Bild das man aber m.E. bei genauerer Betrachtung – jenseits einzelner plakativer Zitate – so nicht bestätigt findet ! Vielmehr zeigt sich Johannes eher als konsequenter Anhänger und Wegbereiter der Gnadenbotschaft Jesu: seine berühmte „Umkehr zur Buße“ erweist sich bei näherer Betrachtung als Umkehr zur umfassenden, unverdient geschenkten Gnade Gottes – also als Umkehr in den engen Weg der Gnade. So stand z.B. schon seine Geburt unter dem prophetischen Zeichen der „Erkenntnis des Heils“ als der von Gott „geschenkten Vergebung der Sünden“ (Lk 1,76f.). Und später stellt er dann fest: Jeder Mensch ist jenseits seiner Werke, seiner Gesetzestreue, der größe seiner Opfer usw. ein tödlich unreiner, verlorener, lepröser Sünder in einer verlorenen, vor Gott unwürdig gefallenen Welt: Er kann nur durch die unverdiente Gnade Gottes – ein unverdientes, reinigendes Tauf-Geschenk – gerettet werden ! Vor allem die streng moralisierenden Pharisäer sollten zeigen, dass auch sie als unrein Verlorene dieser rettenden Gnade bedürfen und Früchte der Gnade gegenüber ihrem ebenso verlorenen sündigen Nächsten zeigen. Denn nicht einmal er selbst, ein Mann von tadellosem asketischen Lebenswandel aus gesetzestreuester Priester-Familie, der durch ein Wunder kaum etwas zum Essen und Trinken benötige, sei dem Reich Gottes und der im Messias wohnenden Gnade würdig: Gegenüber dem Messias und dessen innewohnender himmlischer Herrlichkeit und Gnade bleibe er ein irdisch verlorener, leprös-unwürdiger, sklavischer Sünder „nicht würdig, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen“. (Joh 1). Dies scheint im Kern die Botschaft Jesu vorwegzunehmen: Der Mensch ist immer in seinem leprös-tödlichen Fleisch vor Gott verloren, ganz gleich ob asketischer Wüstenheiliger, gesetzestreuer Pharisäer, Polizist, Säufer, Steuerbetrüger, leichtes Mädchen usw. – er ist immer und bleibt im Fleisch tödlich ansteckend verunreinigt. Keiner ist im Kern vor Gott würdiger als der andere ! Die gefallene Welt kann vor Gott niemals bestehen; sie ist dem Untergang geweiht. Jeder bedarf des Lammes Gottes – der rettenden Gnade Gottes – , das die tödliche Sündhaftigkeit hinwegnimmt ! Und Jesus stellte dann über Johannes etwas fest, was ähnlich auch für ihn gilt: „Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt…“ Also: Die offensichtlich in Sünde Verlorenen, Unwürdigen hoffen oft in natürlichem Glauben mehr auf die unverdiente Gnade Gottes als die vermeintlich Sündlosen, moralisch Anerkannten; sie erkennen ihre Verlorenheit und die Verlorenheit der Welt besser als die vermeintlich irdisch-moralischen Gewinner. Aber damit wandeln sie eher auf dem engen Weg der Gerechtigkeit – rein aus Gnade – als viele Moralapostel, die sich durch ihre zahlreichen moralischen Werke vor Gott scheinbar rechtfertigen und sich dann richtend über andere erheben usw.

    Jesus – die von ihm vermeintlich proklamierte Gebotstreue

    Es wird häufig betont, dass Jesus in den Evangelien mehrere Male seine Gesetzestreue hervorgehoben hat und sich damit selbst offenbar unter das Gesetz stellte. Er habe damit aktiv für das Gesetz und die Gebote Partei ergriffen und sie den Menschen als vor Gott endgültig richtig und spirituell notwendig dargestellt. Doch bei dieser Deutung wird übersehen: Jesus sprach nicht als Anwalt des richtenden Gesetzes, sondern verteidigte sich gegen Anklage durch das Gesetz ! Er galt in den Augen der meisten Juden als Sünder gegen das Gesetz ! Seine Verteidigung lief nach dem Motto: „Richtet nicht über mich und meine Gebotstreue, damit ihr nicht gerichtet werdet ! Ich rette am Sabbat mein verlorenes Schaf gegen das Gebot rein aus Gnade wie auch du Schriftgelehrter am Sabbat heimlich dein Schaf aus der Grube ziehst !“ usw. „Ich bin nicht gekommen das Gesetz aufzulösen, sondern es wahrhaft zu erfüllen, indem ich den neuen, von alters her verheißenen Bund der Gnade für die Verlorenen stifte, eine neue Hochzeit von Himmel und Erde ! Die alte Hochzeit von Himmel und Erde, der steinerne Tempel und die steinernen Gebote werden vergehen – und das eben nicht gegen das Gesetz, sondern in Erfüllung des Gesetzes. Denn ich bin der, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben: der von Mose selbst verheißene endgültige Prophet, der „neue Mose“, also der endgültige Befreier und Retter des Gottesvolkes und also derjenige, der den ewigen, neuen Bund schließt. Ich bin der, von dem Mose sagte, dass man dann „allein auf ihn hören solle“ – und das wurde dann von Gott am Berg Tabor bestätigt…“ (vgl. Joh 5; Prophetengesetz 5 Mos. 18, Ag 7,37) usw. Jesu Treue zum Gesetz bestand also nicht in einer Treue, einem Festhalten am Gesetzesbund des Mose, sondern in seiner Treue gegenüber den im AT, im Gesetz, festgehaltenen Prophezeiungen über den Messias und seinen neuen Bund. Hier wurde u.a. festgehalten, dass die himmlische Wahrheit über Gott von den Menschen noch nicht vollständig erkannt wird, dass vor dieser Wahrheit alle Menschen als leprös-verlorene Sünder überführt und im Fleisch gerichtet sind, dass alle „wie die Schafe verloren in die Irre gehen“ und unverdient gerettet werden müssen usw.
    Und genau diese Prophezeiungen erfüllte laut den Evangelien Jesus im Übermaß. Die in ihm wohnende Wahrheit der Güte, Liebe,Treue Gottes überführte alle Menschen als tödlich verlorene Sünder, spirituell unwürdig über andere zu richten. Jeder, der seine Predigten, wie die Bergpredigt hörte, musste wohl erkennen: „Ich bin als unreiner Sünder vor Gott verloren ! Allein unverdiente Gnade kann mich noch retten !“ Ganz so wie wohl auf dem Bergpredigt-Gemälde Rossellis in der Sixtinischen Kapelle dargestellt: Andächtig lauschen die Zuhörer der Predigt Jesu von der Unerreichbarkeit der Heiligkeit der Liebe Gottes, alle knien von dem heiligen Geist, der sich hier entfaltet, nieder. Schließlich wird im rechten Bildteil gezeigt, wie Jesus gezielt sich einem kniend betenden Mann segnend zuwendet, der die Szenerie von außen (aus der Perspektive des Malers !) betrachtet: Es ist der im unreinen Fleisch verlorene Lepra-Kranke, der unverdient auf Rettung hofft…

    Paulus – der vermeintlich 1. Regel-Geber der Kirche, der vermeintliche 1. Meister der Gemeindezucht

    Allgemein wird Paulus ziemlich unsympathisch gelesen und verstanden, nämlich als jemand mit Anspruch auf absolute, moralisch-göttliche, richtende Autorität, als jemand dessen Worte, Vorschriften als Kirchen-Gesetz gelten. Alles nach dem Motto: Wer sich nicht an die genauen Regeln, detaillierten Beschreibungen des heiligen Paulus hält, ist kein Christ ! usw. Dabei werden einzelne Worte bis in den Buchstaben hinein genau untersucht, ohne genauer zu berücksichtigen, in welchem grundlegenden Geist seine Briefe eigentlich verfasst sind. Und über den zugrundeliegenden Geist lässt sich bei Paulus sagen: Er schrieb auf keinen Fall als moralischer Ankläger, heilige Autorität, genauer Regelgeber usw., sondern als bekannter schwerer Sünder, als Mörder, Gefängnisinsasse – als sündiger Mensch von zweifelhaftem Charakter, der im Fleisch durch seine Taten nach normalen menschlichen Maßstäben für immer verloren war. Nach eigenen Worten als eine sündige „Missgeburt“, „gefangen im (Lepra-)Leib des Todes“ den nur noch eine überirdische Gnade, jenseits aller menschlicher Werke, retten kann: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder (!) selig zu machen, unter denen ich der 1. bin…“ (1Tim1) Seine Grundhaltung war also nicht die des kritisierenden Moralapostels, sondern die des Verteidigers einer unverdienten, überirdischen Gnade, jenseits aller irdischer Gesetze und Regeln, die er selbst auf dem Weg nach Damaskus erfahren hatte. Seine öffentlichen Briefe sollten darlegen, dass die als Gotteslästerer, Trunkenbolde (Wein des Abendmahls!), Unzüchtige, unreine Fresser, Ungebildete usw. verschrienen Christen, die selbst krankhaften, sündig-verlorenen Mördern, Prostituierten, Habgierigen in der Nachfolge Jesu – dem „Freund der Sünder“ – die unverdiente Gnade Gottes verkündigten, keine Menschen sind, die Straftaten für gut heißen oder antistaatlich, antigesetzlich denken. Wie Paulus in Selbstverteidigung selbst sagte, er galt fälschlich als jemand der die verrückte Lehre vertritt „Lasst und frei sündigen, damit Gott uns dann umso mehr vergibt“, aber er wolle in seinen Briefen öffentlich zeigen, dass er diese Lehre für falsch hält (Röm 3). Das heißt, er wollte zeigen, dass diejenigen, die an Gnade – selbst für Verbrecher, krankhafte Sünder, religiös Verirrte usw. – glauben, nicht deren Sünde bejahen, nicht in der Sünde mit ihnen geistige Gemeinschaft haben usw. Und dabei verstand er sich nicht als besondere moralische Autorität, sondern als jemand der Gott, das Gute nur unvollständig, „stückweise“ erkennt und diesem nur langsam näherkommt. So gestand er z.B. freimütig, dass er zwar versuche als im Fleisch verlorener Sünder im Guten Jesus nachzufolgen, aber: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich…“ (Röm 7)
    Aber eben nach seiner vehement vertretenen Überzeugung besteht der verlorene, unter dem Fluch der Sünde stehende Mensch vor Gott nicht in seinen irdischen, fleischlichen Leistungen, Werken, Fähigkeiten, sondern allein in dem, was sein Geist als richtig erkennt: Gottes Willen zur Gnade, zur Vergebung, zur Rettung des irdsich verlorenen Sünders. In der Erkenntnis: Gott richtet dich tödlich verlorenen Sünder nicht ! Richte du auch nicht !

  10. Ron, jetzt verstehe ich Dich aber nicht. Wie wir wissen, ich sagte es auch oben, hängt unser Schuldschein am Kreuz. Es ist alles vollbracht, sagte ER. Und der Neue Mensch kann auch garnicht mehr sündigen.

    Wieso schreibst Du oben, wir wären tödlich verlorene Sünder (Gott richtet dich tödlich verlorenen Sünder nicht), wo wir doch schon lange freigesprochen sind (oder verwandelt oder was auch immer)? Ich sehe das so, dass wir Sünder waren.

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