Wenn wir Christen werden, verändert sich unser Denken. Wir bekommen neue Gedanken: über Gott, über uns, über die Welt. Und schnell merken wir, dass sich hier teilweise Abgründe auftun zu dem, wie in unserer Gesellschaft gedacht wird.

  • Wir erkennen uns als wertvoll, egal was wir schaffen oder nicht schaffen – nicht so die Konkurrenzgesellschaft. Hier gilt nur der Erfolg.
  • Wir wissen nun, dass Gott für uns sorgt (erste Variante) – nicht so die Konkurrenzgesellschaft: dort bist du und nur du deines Glückes Schmied … in der frommen Variante klingt das dann so: „Gott möchte dir Erfolg schenken … er hilft dir bei deiner Karriere“
  • Wir können bei Gott immer wieder von vorn anfangen – nicht so in der Konkurrenzgesellschaft: es gibt eine zweite, höchstens eine dritte Chance.
  • Wir wissen, dass Gott unsere Bedürfnisse und Interessen achtet und für sie sorgt – nicht so in der Konkurrenzgesellschaft: hier zählt nur, dass du dem Interesse deines Arbeitsgebers dienst. Der Rest ist deine Privatangelegenheit.
  • Wir wissen, dass Gott mit den Schwachen und Armen ist – in der Konkurrenzgesellschaft gilt das Recht des Stärkeren
  • Wir wissen, dass Gott auch dann mit uns ist, wenn wir bei der Wahrheit bleiben – in der Konkurrenzgesellschaft liegt es nahe, zum eigenen Vorteil zu lügen. Die Lüge ist dort ganz selbstverständlich, um das eigene Interesse zu schützen und zu fördern.
  • Wir streben nach Liebe – in der Gesellschaft um uns herum strebt man nach Geld und nach Erfolg und Anerkennung
  • Gott sieht uns nicht als die, die in erster Linie dazu berufen sind zu arbeiten – die Konkurrenzgesellschaft dagegen verkauft uns „Arbeiten“ als DEN Lebenssinn, als Hauptzweck unseres Lebens (und das, obwohl sie nicht mal in der Lage ist, allen Arbeit zu geben)
  • Wir wissen, dass es in der Gemeinde keinen Zwang, kein Herrschen, kein Unterdrücken geben soll – aber die Konkurrenzgesellschaft hat auch in dieser Hinsicht leider die Gemeinde Jesu missioniert. Herrschaftsfreier Umgang miteinander ist uns fremd. Wir betrachten gerne einige wenige als „über uns“ – und besonders gern viele als „unter uns“. Und sind völlig blind dafür, dass wir damit auch unsere Gesellschaft nachahmen
  • Wir wissen, dass Gott den Armen, den Unfähigen besonders zugewandt – in der Denke der Konkurrenzgesellschaft gelten sie als „selbst schuld“ an ihrer Armut und Unfähigkeit, als „ungenügend“ gemessen an den Maßstäben des Erfolgs
  • Von Gott werden wir zu nichts, aber auch gar nichts gezwungen – in unserem täglichen Leben sieht das ganz anders aus. Dort ist uns der Zwang in Fleisch und Blut übergegangen, so dass wir erst einmal genau hingucken müssen, um ihn zu erkennen. Entsprechend sind auch unsere „Gemeinden“ und unser Miteinander voller Zwang
  • Wir wissen, dass jeder Mensch unendlich wertvoll ist – in der Konkurrenzgesellschaft bist du nur insofern nützlich (und nicht mal wertvoll), als dass du an einem Arbeitsplatz Geld für deinen Arbeitgeber verdienst. Sogar die, die die Konkurrenzgesellschaft kritisieren, beurteilen dich danach, ob du einen Nutzen für ihr Anliegen der Kritik hast
  • Wir wissen, dass Gott für uns sorgt (zweite Variante) – aber es ist doch besser, unseren Arbeitsplatz nicht zu gefährden, etwa indem wir zu bestimmten Vorgängen im Betrieb schweigen. Denn ohne Arbeitsplatz bist du ein Nichts in der Konkurrenzgesellschaft (und dazu noch selbst schuld!)
  • Gott hat uns in eine Gemeinschaft mit anderen hineingestellt, damit wir uns gegenseitig beistehen (auch sehr praktisch) – die Gesellschaft um dich herum will dich dagegen isolieren, dich allein kämpfen lassen, dir vermitteln, dass nur du dieses oder jenes Problem hast und es bei anderen doch auch klappt
  • Wenn Gott uns segnet, dann nie auf Kosten von jemand anders – in der Konkurrenzgesellschaft ist der Erfolg des einen immer der Mißerfolg des anderen, der Nutzen des einen schnell auch der Schaden des anderen
  • Wir wissen, dass Habgier die Quelle vieler Schmerzen ist – in der Konkurrenzgesellschaft lernen wir, dass Streben nach viel Geld gut ist; und wenn wir darin nicht gut sind, so beneiden oder bewundern wir dann doch die, die darin gut sind
  • Wir wissen, dass wir Gott mehr Gehör schenken sollten (zu unserem Vorteil!) als dem, was Menschen sagen oder von uns wollen – in der bürgerlichen Gesellschaft tust du lieber, was dein Chef dir sagt; und was die herrschende Moral der Konkurrenzgesellschaft dir nahelegt
  • Wir wissen, dass Gott Gerechtigkeit wichtig ist – aber es ist nicht die „Gerechtigkeit“ der Leistungsgesellschaft, in der wir für Leistung (angeblich) belohnt werden; in der alle das Gleiche kriegen sollen (für gleiche Leistung) statt dass, was sie brauchen; in der Menschen es „ungerecht“ finden, wenn jemand mehr oder anderes hat als sie selbst
  • Gott beschenkt uns nach unseren Bedürfnissen – in der Leistungsgesellschaft müssen wir uns alles hart erarbeiten und gehen in vielen unserer Bedürfnisse leer aus

Wir sehen also: unser Denken, unsere Beurteilungen unserer eigenen Person, anderer Menschen, von Situationen hat sich geändert. Wenn wir das nicht so erleben, dann ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass unser Denken noch gar nicht so von Jesus verändert ist. Und im schlimmsten Fall gehören wir sogar zu denjenigen, die den Werten oder besser Unwerten der Konkurrenzgesellschaft noch ein frommes Mäntelchen umhängen.

Wenn du Jesus kennst, bist du nicht nur geliebt – sondern du kommst über kurz oder lang auch zu Beurteilungen, die dich in Gegensatz zur Gesellschaft bringen, in der du lebst. Das war schon so bei den Christen im Römischen Reich, warum also sollte es heute anders sein? Nur ist leider die Gemeinde Jesu in weiten Teilen von der Ideologie der Konkurrenzgesellschaft missioniert – und erzählt streckenweise genau dasselbe, nur eben im Namen Gottes und nicht im Namen des schnöden Mammons.

Wenn Christen also gerne davon reden, dass sie den Menschen in ihrer Umgebung etwas Anderes, Alternatives, Besseres vorleben wollen – dann haben sie erst mal viel mit sich selbst zu tun; denn sie müssen das alte Denken verlernen und die neuen Denkinhalte, die Jesus ihnen schenkt, verinnerlichen, verstoffwechseln, bis sie ihnen ganz selbstverständlich werden. Und dieses Neue Denken hat nicht nur das Ziel, zutreffende Denkurteile zu fällen, sich einen klaren Begriff von Sachen zu machen – sondern es führt zu einem neuen Verhalten, zu einem anderen Miteinander, zu einer anderen Art von Teilnahme am Leben des anderen.

Diese Veränderung unseres Denkens, unserer Beurteilungen, ist ein wichtiger Beitrag zu einer Gemeinde als „Gegengesellschaft“. Aber dabei werden wir schnell merken, dass wir für ein anderes Verhalten dringend auf Gottes Hilfe angewiesen sind. Das merken etwa viele christliche Lebensgemeinschaften, die sich schnell in Über- und Unterordnung wiederfinden, sich in „Bessere“ und „Schlechtere“ aufteilen und dem Missbrauch geistlicher Autorität oft Tür und Tor öffnen.

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